Mastodon – Marrow Deep

(c) William Lacalmontie
Selten wurde so gespannt auf ein neues Album von Mastodon gewartet, wenngleich es für die Band die wohl beschissenste Phase ihrer über ein Vierteljahrhundert andauernden Karriere war. Im März 2025 folgte der hoch publike Split von Brent Hinds, am 20. August 2025 verstarb der Gitarrist und Sänger bei einem Motorradunfall, ohne Aussöhnung. Fünf Jahre nach „Hushed And Grim“ geht es einmal mehr um Trauerarbeit (zudem erlag Brann Dailors Mutter ihrem Krebsleiden, Troy Sanders‘ Familie verlor nach Hurrikan Helene alles), umgelegt auf Themen und Figuren aus der griechischen Mythologie. Mit neuen Mitgliedern und einer langen Gästeliste wagt sich „Marrow Deep“ noch weiter hinaus.
Neu sind Gitarrist Nick Johnston, der bislang vor allem als Solokünstler auftrat, und der unter anderem bei The Claypool Lennon Delirium aktive Keyboarder und Multi-Instrumentalist João Nogueira – beide langjährige Tourmusiker, die nun fix am Start sind und zugleich recht deutlich zeigen, dass Hinds bewusst nicht einfach ersetzt wird. Es gibt weniger Gitarrensoli, dafür aber frische Klangfarben, wie in „Your Ghost Again“. Deutlich mehr Härte trifft auf vertrackte durchaus jazzige Elemente, das Spiel mit nachdenklicher Ebbe, kathartischer Flut und der verspielten zweiten Hälfte, die sogar ein wenig in Richtung Math schielt, klingt selbst für Mastodon etwas ungewohnt. Der Opener „Barbarians Blood“ fällt hingegen mit der Tür ins Haus, erinnert ein wenig an die Wucht früherer Alben und findet immer wieder zu einer klassisch abgefuckten, mitreißenden Gesangsmelodie. Ordentlich Druck, manische Gitarren und eine drückende Rhythmusabteilung machen Laune.
Apropos Rhythmus: Kein Geringerer als Geezer Butler (Black Sabbath) steuert das herrlich verplante Bassintro zu „The Vanishing“ bei, bevor vergleichsweise melancholischer Prog Rock das Heft fest in die Hand nimmt. Gemeinsam mit Joe Duplantier (Gojira) schwebt man im bittersüßen, luftleeren Raum, bevor der Koloss im Schlussakt gar wahnwitzig abhebt. Das herrlich verspielte „They’re Coming For You“ klingt stellenweise wie ein Speed-Run durch die Prog-Phase der Band, wechselt ursprünglich in straighte Stoner-Sludge-Nackenschläge, bevor die Gitarre singen darf. Das tut sie auch im wunderbaren „Snakes For Dinner“, verspielt und eingängig zu gleichen Teilen, mit einer der besten Hooks der gesamten Platte und der Rückkehr von Josh Homme (Queens Of The Stone Age) im Abgang. Und dann ist da noch das Epos „The Three Fates“, der schier endlose Abgang mit Prog, Psych, Jazz, Geisterbahn sowie einem bestens aufgelegten Neil Fallon (Clutch). Ist das tatsächlich dieselbe Band?
Natürlich ist sie das, mit einem weiteren Ausrufezeichen. Selbstverständlich wurde „Marrow Deep“ mit Hochspannung erwartet, keine Frage, nicht nur aufgrund der exzellenten Gästeliste (unter anderem mischen auch Randy Blythe von Lamb Of God sowie Ben Koller und Nate Newton von Converge und zig anderen Bands mit). Und doch ist es vor allem die packende neue Einheit von Mastodon, die aufhorchen lässt. Die Trauerarbeit, der Umgang mit dem unmöglich Erscheinenden rückt wieder und wieder in den Fokus. Immer wieder wird es heavy wie Sau, stellenweise mit einem Hauch „Blood Mountain“ im Abgang, aber zugleich deutlich proggiger, psychedelischer, offensiv mit Jazz flirtend und dabei stets im besten Sinne unvorhersehbar. 65 epische, berauschende Minuten, überlebensgroße Herausforderungen und brachliegende Gefühle schaffen ein weiteres Meisterwerk, das erneut viel Geduld braucht, das richtig groß geworden ist. Mastodon kämpfen sich ein weiteres Mal voran – mit spürbarer, bewusster Lücke, aber auch mit tiefer Verbeugung.
Wertung: 9/10
Erhältlich ab: 28.08.2026
Erhältlich über: Loma Vista Recordings / Concord Records (Universal Music)
Website: www.mastodonrocks.com
Facebook: www.facebook.com/Mastodon
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