Untitled With Drums – Made Flesh

(c) Angélique Delabre
Erst hatten sie kein Glück, dann kam auch noch Pech hinzu: Das erste Album von Untitled With Drums erschien wenige Tage vor dem ersten Lockdown in ihrer französischen Heimat. Mit einer echt guten Platte ging im Anschluss leider wenig, immerhin durfte man Jahre später beim Hellfest und beim Desertfest London auftreten sowie für Deftones eröffnen. Zwischenzeitlich erschienen diverse Kleinformate (zuletzt vergangenen Dezember), man musste sich aber auch als Quartett neu aufstellen. Die damit verbundenen Selbstzweifel waren ein wichtiger Teil des Songwritings für ihren Einstand bei Season of Mist: „Made Flesh“ holt den Geist der 90er ins Hier und Jetzt.
Bands wie Failure, Quicksand und Cave In werden als Referenz genannt, was sicherlich nicht von ungefähr kommt. Tracks wie „Shame“ unterstreichen die kauzige, verwaschene, leicht düstere und doch angenehm hymnische Mischung aus Post-Hardcore und Alternative Rock, die als Ankerpunkt dieses zweiten Albums dient. Bassist Martin Le Borgne übernimmt den Gesang, abwechselnd unheimlich eingängig, klagend, wütend und geradezu aggressiv. Das passt auch zum Track an sich, der zurückgelehnte Heavyness mit schemenhafter Angriffslust paart. Rémy D. Perrin ist ein fantastischer Drummer, tritt als songdienlicher Motor auf, Lucas Delay entlockt seiner Gitarre faszinierende Melodiefolgen und Keyboarder Nicolas Zachalas kümmert sich um die entsprechende Atmosphäre. Heavy, verträumt und eingängig zugleich – die Mischung funktioniert.
Das gilt auch für das weitere Album, das dem starken Songwriting den nötigen Freiraum gewährt. Wie in „Parasitic“ nach dem Chorus die wütenden Gitarren urplötzlich aufbranden, ist mindestens so groß wie das schwerfällige Understatement von „Space“, das mit seinen reduzierten, intimen Strophen überrascht. Wenn schließlich alle Dämme brechen und ein fieser Breakdown alles zerlegt, gibt es kein Halten mehr. Die nervöse Energie des Rausschmeißers „Cry“ kann ebenfalls richtig viel. Störrische Heavyness und erstaunlich viel Melancholie treiben einen finsteren Abhang hinab, Le Borgne scheint dem Wahnsinn nahe und ringt um Fassung. Die gibt es in „Matter“ dann doch, ebenfalls mit starker Laut-Leise-Dynamik, nahezu proggigen Tönen und einer metallischen Wand des Wahnsinns.
Klar kennt man diesen musikalischen Mikrokosmos mittlerweile zur Genüge, denn wirklich neu sind diese Mini-90s-Revivals aktuell keineswegs. Untitled With Drums hängen sich aber nicht an den Trend, sondern ziehen einfach jenen Sound durch, der sie seit bald einem Jahrzehnt in verschiedenen Variationen begleitet. „Made Flesh“ ist eine weitere Verfeinerung ihrer generellen Ausrichtung, noch ein wenig härter und eingängiger, verträumter, verplanter, aber auch fokussierter denn je. Derlei Widersprüche sind eng mit dem angenehm aufwühlenden Sound der Franzosen verbunden – zugänglich und herausfordernd zu gleichen Teilen. Hier reift Großes heran.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 21.08.2026
Erhältlich über: Season of Mist (SPV)
Facebook: www.facebook.com/untitledwithdrums


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