Stolen Kidneys – Melankolia

(c) Stolen Kidneys
Wohin des Weges? Stolen Kidneys dürften sich diese oder zumindest eine sehr ähnliche Frage nach dem Release von „Maailma loppuu“ vor etwa vier Jahren gestellt haben. Der Noise Rock des Quartetts aus der nordfinnischen Stadt Oulu war noch einen Tacken langsamer geworden und im Sludge gelandet – eigentich nicht so ungewöhnlich, war man doch ursprünglich von Neurosis und Breach inspiriert gewesen. Dennoch wollte man einen möglichst großen Bogen um etwaigen Stillstand machen. „Melankolia“, das unter anderem bei den heimischen Krach-Experten Bloodshed666 Records erscheint, taucht mehr denn je in den Post-Hardcore und Hardcore Punk der 90er ein, ohne dabei auch nur einen Hauch seiner widerspenstigen Gefährlichkeit zu verlieren.
Sieben nicht übermäßig lange Songs mit finnischen Titeln hauen ein paar Fragezeichen raus. Der Opener trägt eines davon sogar im Titel: „Etkö näe tätä kärsimystä?“ braucht ein wenig, um sein Intro zu überwinden, nur um dann in ausgesuchter Gemächlichkeit auszurasten. Störrische Wut, die Screams und Growls von Christopher Livingstone, kaputte Gitarren und ein gerade halt so von der Rhythmusabteilung zusammengehaltener Track mit noisigen Ausschlägen und fast Metalcore-artiger Intensität macht Laune. Ähnlich kurz und nicht minder heftig: „Raakaa voimaa“ hätte sich auch auf dem aktuellen Converge-Album nicht schlecht gemacht. Es brodelt und kocht, die kleinen noisigen Eruptionen werden von derbem Hardcore Punk zerlegt. Kann man machen, ist absolut mächtig.
Wie auch das zähe, zur Albummitte platzierte „Riemujuhla“, das die Entschleunigung des Vorgängers aufgreift. So könnte der von Stolen Kidneys weitergedachte Sludge klingen – drückend, kratzbürstig, gefühlt konstant eskalierend und trotz Mini-Eruption von permanenter, undurchdringlicher Schwere geprägt. Der abschließende Titelsong „Melankolia“ packt sogar noch einen drauf und zieht sich in eine Art imaginären Kokon zurück. Langsam, aber sicher fallen die lärmenden Wände über den Finnen zusammen, der Gigant taumelt in Zeitlupe und wird vom minutenlangen Outro bedingt abgefangen. Im Vergleich dazu wirkt „Piinaava hiljaisuus“ flott bis rabiat, eskaliert am gemächlichen Stand und lässt beinahe so etwas wie eine Melodie erkennen. Bis im Schlussteil die Druckwellen urplötzlich Überhand gewinnen.
Oftmals nur schwer zu ertragen bis zu verdauen, überrollt „Melankolia“ immer wieder, keine halbe Stunde lang und doch ist alles gesagt. Nahezu konstant setzt es Schmerzhaftes, weit über Noise-Grenzen hinaus. Komplett haben sich die Finnen nicht vom Sludge getrennt, glücklicherweise, und setzen gelegentlich auf spannende Entschleunigung. Vor allem regiert lautmalerisches Chaos, rund um Hardcore Punk, Post-Hardcore und Metalcore, so schroff und dreckverkrustet wie möglich, voller wütender Details, eskalierender Riffwände und unorthodoxer Struktur. Stolen Kidneys halten wenig von falscher Zurückhaltung und machen einfach alles platt, was sich nicht rechtzeitig verstecken kann. Abstoßende Hässlichkeit und intensiv-noisige Frontalattacken machen Spaß.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 26.06.2026
Erhältlich über: Bloodshed666 Records / minoRobscuR / The Ghost Is Clear / Day Off Records
Facebook: www.facebook.com/stolenkidneys


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