Klimt 1918 – Àmor

(c) Marzia Troiani
Fans von Klimt 1918 müssen geduldig sein. Gewisse Wartezeiten gehören beim Quartett aus der italienischen Hauptstadt Rom dazu. Dass seit dem Doppelalbum „Sentimentale Jugend“ aber beinahe zehn Jahre vergingen, war so nicht unbedingt geplant. Man tobte sich auf der Bühne und im Studio aus, nahm sich bewusst mehr Zeit fürs Songwriting und trieb die seit den ersten Gehversuchen Ende der 90er andauernde musikalische Evolution weg von den Metalklängen der Vorgängerband weiter voran. „Àmor“ ist mehr denn je in Post Punk, Shoegaze und Alternative unterwegs und findet Schönheit in bittersüßer Finsternis.
„Dream Core“ markiert den Auftakt und passt mit seinem Titel hervorragend zum eigenen Sound. Nach einer anfänglichen Druckwelle zwischen Distortion, Dream-Pop und Gitarrenwänden bricht der Song in sich zusammen und arbeitet sich vorsichtig, geradezu flüsternd voran. Nur langsam gewinnen die Römer an Kraft und lassen das Arrangement in bester Post-Rock-Manier wachsen, von vertrauten Darkwave-Einflüssen begleitet. Erneuter Zusammenbruch, weiteres Aufbäumen, garniert mit großen Melodien – so einfach kann es sein. Auch „Nexus“ liebt den konsequenten Aufbau in Richtung erhabener Moment, kocht urplötzlich über und zieht dabei das Tempo an. Die forsche Präsentation erinnert angenehm an The Twilight Sad, bloß deutlich entspannter und harmonischer.
Das Spiel mit musikalischen Extremen und Laut-Leise-Dynamik übernimmt nach und nach das Kommando. Da wäre beispielsweise „Petricore“, ein über weite Strecken ruhiger und introvertierter Song, der während seinen sieben Minuten immer größer und anmutiger wird. Vergleiche mit Sigur Rós drängen sich gewissermaßen auf, vor allem in der Übergangsphase kurz vor dem großen Gefühlsausbruch. Das nervöse und zugleich magische „Aventine“ bleibt ebenfalls im Ohr. Wie die Gitarren übersteuern und dennoch im Ohr bleiben, ist großes Kino. Den finalen „Mountain“ erklimmen Klimt 1918 behutsam, werden immer wieder abgeworfen, bevor eine der vehementesten Klangcollagen der gesamten Platte beherzt zupackt.
Ausladend und doch erstaunlich kompakt, so präsentiert sich diese Stunde Musik, die Klimt 1918 mehr denn je ein reduziertes Programm fahren lässt. Heavyness wandert nahezu komplett in den Hintergrund, doch schaumgebremst ist hieran dennoch rein gar nichts. Eine in jeder Hinsicht große, energische Platte mit einer Überdosis Distortion und Melodie türmt sich auf. „Àmor“ markiert den endgültigen Übertritt in die weite Welt des Post Rock und Shoegaze, selbstverständlich mit bestens vertrauter Abgründigkeit versehen. Jeder Hoffnungsfunke, jede träumende Wendung wird wiederholt zerlegt, hat zu kämpfen und zu schwitzen. Und doch klingen die Italiener so erhaben und eingängig wie nie. Episch, entstellt und harmoniebedürftig – eine kuriose wie packende Mischung unterstreicht die Ausnahmestellung dieses Quartetts.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 12.06.2026
Erhältlich über: Prophecy Productions
Website: www.klimt1918.com
Facebook: www.facebook.com/Klimt1918


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