Gudewife – Atoms, Don’t Die

(c) Nathaniel Scott
Eine EP vor sechs Jahren, am Höhepunkt des ersten pandemischen Sommers, und danach? Gudewife ließen im Juli 2020 mit einer wilden, komplexen und erstaunlich bewegenden Mischung aus Post Rock, Math sowie diversen anderen experimentellen Genres mit leicht metallischem Touch aufhorchen. Das Duo aus dem Nordwesten Englands um Gitarrist Luke Burrows und Drummer Tom Holmes mag es komplex und anspruchsvoll, geht recht freizügig mit vermeintlichen Schubladen um und verbindet beinahe idyllische Ruhe mit explosivem Chaos. Die neue EP „Atoms, Don’t Die“ befasst sich mit verschiedenen Form von Verlust.
Tod, Trauer, die Vergänglichkeit der Jugend und das Erlöschen des Glaubens tragen fünf Songs, die elementare Ideen mit der Theorie, das nichts und niemand jemals komplett verschwindet, verknüpfen. Mit „Tahrir التحرير“ (zu Deutsch „Befreiung“, „Freilassung“) nehmen Gudewife direkten Bezug auf den Krieg in Gaza. Ein Gedicht von Haya Alyan über Widerstand und Hoffnung dient als Herzstück dieses brodelnden Songs, der mit seinen kompromisslosen Druckwellen wieder und wieder erfasst. Kurz vor der Dreieinhalbminuten-Marke erschüttern markige Druckwellen das Arrangement, ein erneutes Aufbäumen im Schlussakt nebst beklemmenden Zeilen trifft mitten ins Herz.
Auch „Millennial Rot“ kommt ausnahmsweise mit Vocals aus. Die stammen von den ehemaligen Tour-Genossen Pleiades aus Manchester, die vor allem im Post-Hardcore und Post Metal zuhause sind. Nachdenklicher Gesang, wütende Schreie und erstaunlich kompromisslose Eruptionen gehen im besten Sinne Hand in Hand. Während entsprechende Math-Anteile bislang etwas in den Hintergrund rückten, kommen diese in den drei verbleibenden Tracks so richtig durch. „Halcyon Collider“ zerlegt seine eigene Melodieführung mit präzisem Chaos, während das epische „When Silence Forgets Itself“ vergleichsweise typische Post-Rock-Muster auf vertrackten Bounce und einen erstaunlich dominanten Bass treffen lässt. Wie sich „Slow Hound“ final aus der Ruhe erhebt und angedeutete Polyrhythmik mit erschöpfenden Spoken-Word-Parts vermengt, ist ebenfalls groß.
Sie brauchen keine 27 Minuten, um die Sinne zu schärfen und alles zu plätten: „Atoms, Don’t Die“ ist für seine Kürze ein ziemlicher Brocken, auf so ziemlich jeder Ebene. Vom beherzten, intensiven Opener, der eine humanitäre Katastrophe gezielt ins Bewusstsein ruft, bis zu den vertrackten, zugleich epischen Songs danach ergibt sich eine hochspannende EP, die sich festbeißt. Die fordert und beinahe überfordert. Die ausuferndes Songwriting mit beinahe jazzigen Spielereien neben der Tonleiter verbindet. Gudewife fordern gewaltig heraus und räumen auf spektakuläre Weise ab – ein Comeback nach Maß, Nachfolger dringlichst erbeten.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 24.07.2026
Erhältlich über: Ripcord Records
Facebook: www.facebook.com/gudewife


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