Klimt 1918 – Sentimentale Jugend

| 30. November 2016 | 0 Comments
Klimt 1918

(c) Prophecy Productions

Das Jahr: 2008; das Album „Just In Case We’ll Never Meet Again (Soundtrack For The Cassette Generation)“ war gerade erst erschienen, und schon hatten Klimt 1918 den Titel für einen Nachfolger gefunden. Beim Lesen von Vera Christiane Felscherinows „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ stellten die Italiener fest, dass die Autorin einst eine gemeinsame Experimental-Noise-Band mit Alexander Hacke (Einstürzende Neubauten) unterhielt. Der Bandname wurde zum Albumtitel. Acht Jahre später steht nun „Sentimentale Jugend“ in den Läden.

Klimt 1918 präsentieren aber nicht bloß irgendein Album, es ist sogar ein Doppelschlag geworden. „Sentimentale“ und „Jugend“ stehen für sich alleine und werden sogar getrennt verkauft (oder gemeinsam als opulentes Hardcoverbuch). Für die Italiener ist die Platte eine Reise in die späten 1970er, als sich West-Berlin gleichermaßen Aufbruchsstimmung und Melancholie ausgesetzt sah. Zwischen Shoegaze, Post Rock und New Wave gefangen, leistet sich das Quartett einen einzigen Ausfall. Die Cover-Version von Berlins „Take My Breath Away“ wirkt konzeptuell wie musikalisch zu gezwungen und unheimlich zäh.

Davon abgesehen, wird es zuweilen gar spektakulär. Auf „Jugend“-Seite erholt sich das mächtige „Resig/Nation“ schnell von kurios anmutenden Fanfaren und wird zum Westentaschen-Monstrum mit dicken Gitarren, ausufernden Post Rock-Klanglandschaften und manischem Dickicht. „Sant’Angelo (The Sound And The Fury)“ versucht sich hingegen an Post Punk und großen Gefühlen, ist in seinem warmherzigen Auftreten aber dennoch stetig nach vorne getrieben, direkt an die Barrikaden. Dass im eröffnenden „Nostalghia“ für wenige Momente „Go West“ von den Pet Shop Boys durchschimmert, darf als kuriose Randnotiz wahrgenommen werden, ändert aber nichts an der großen Klasse dieses kleinen Kunstwerks.

Die erste Seite hingegen, „Sentimentale“, rollt nur langsam an, und wirkt insgesamt eine Spur kunstvoller. „Montecristo“, der Titelsong und „La Notte“ halten sich jeweils bis kurz vor Schluss zurück und schwelgen in Schönklang. Wenn die Songs der ersten CD jedoch explodieren, dann so richtig. „Gaza Youth (Exist/Resist)“ sucht und findet die große Schlussnote ebenso wie das mächtige „Once We Were“.

Dennoch, insgesamt fällt die „Jugend“-Seite eine Spur besser aus, weil sich hier zwingendere Momente und mehr Strahlkraft versammelt haben. Vielleicht hätte auch eine Scheibe gereicht, denn 107 Minuten sind eine Menge Holz und bieten, gerade im ersten Teil, auch so manches Füllmaterial. Dennoch lässt sich die bloße Schönheit von „Sentimentale Jugend“ zu keiner Zeit verleugnen. Klimt 1918 sind Suchende, die musikalische Erfüllung im inszenierten Fernweh gefunden haben und sich dafür verdammt viel Zeit ließen. Dass bei aller Detailarbeit letztlich ein Hauch von Feinschliff fehlt, mutet seltsam an. Bärenstark sind weite Teile von „Sentimentale Jugend“ aber dennoch und somit ein finaler Großangriff auf die Jahresbestenlisten.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 02.12.2016
Erhältlich über: Prophecy Productions (Soulfood Music)

Website: www.klimt1918.com
Facebook: www.facebook.com/Klimt1918

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Category: Magazin, Reviews

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