Haste The Day – Dissenter

(c) Dave Pluimer
Die hochgradig spannende, recht ungewöhnliche Geschichte von Haste The Day bekommt endlich eine Fortsetzung. In den 2000ern zählte die Band aus Carmel, Indiana zu den wichtigsten christlichen Metalcore-Bands des Landes, löste sich 2011 kurzzeitig auf, meldete sich ein paar Jahre später für ein Album plus Tour mit sämtlichen aktuellen und ehemaligen Mitgliedern zurück, bevor man abermals von der Bildfäche verschwand. Ein umjubeltes Live-Comeback beim Furnace Fest führte schließlich zu neuen Aufnahmen als Sextett, mit „Dissenter“ landet nun die erste Platte seit stolzen elf Jahren.
Wenn nach einem kurzen Intro „Shallows“ aus den Boxen schnellt und mit erst nervösen Gitarren, dann brachialen Wänden alles in Schutt und Asche legt, werden die Nackenwirbel automatisch aktiviert. Stephen Keech hat rein gar nichts verlernt und brüllt sogar noch einen Tacken aggressiver. Der obligatorische hymnische Chorus mit Clear Vocals von Gitarrist Brennan Chaulk darf natürlich nicht fehlen. Der brutale Breakdown passt ebenfalls ins Bild. Wer die etwas brutaleren, drückenden Haste The Day mag, sollte auch an „Gnasher“ seine Freude finden – laut, wütend, etwas unbequem und geht doch sofort ins Ohr.
Die beiden Tracks spielen sogleich sämtliche Songwriting-Stärken des US-Sextetts aus. Erst rattert „Heretic“ in gut zwei Minuten durch, schlägt mit wachsender Begeisterung und technischem Anspruch um sich. Die Apokalypse sackt in sich zusammen und macht Platz für „Escape“, einen wunderbar düsteren und reduzierten Track, der sich über seine intensive Atmosphäre definiert und erst spät abhebt. Dann aber so richtig. In „Liminal“ setzt es Unterstützung von Silent Planet für eine melodische und zugleich leicht chaotische Granate. Die spitzfindige Auseinandersetzung mit vermeintlich religiösen Menschen, die weder Gnade noch Akzeptanz kennen, passt viel zu gut zur (amerikanischen) Gegenwart. Das mächtige, spacige und erstaunlich groovende „Oblivion“ setzt schließlich den fantastischen Schlusspunkt, zäumt das Pferd von hinten auf und lebt trotz gelegentlicher Heavyness von seinen fast spirituellen Melodien, die sich wieder und wieder entladen.
Es mag klischeehaft klingen, passt aber hier wie Arsch auf Eimer: Haste The Day klingen, als wären sie nie weg gewesen. Was aber keinesfalls heißen soll, dass die Metalcore-Veteranen auf der Stelle treten, denn das kann man ihnen nun wirklich nicht vorwerfen. Natürlich widmen sie sich immer wieder klassischen, vertrauten Klängen, bringen aber auch kleine Experimente ein. „Dissenter“ hat seine düsteren, minimalistischen Exkurse, seine brutalen Sprinter, liebt massive Breakdowns und dichte Melodieteppiche. Gute Songs, spürbares Herzblut, kleine Überraschungen und kurzweilige Routine: Haste The Day kehren in bestechender Form zurück, und das dieses Mal hoffentlich dauerhaft.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 01.05.2026
Erhältlich über: Solid State Records (SPV)
Facebook: www.facebook.com/hastetheday
Slider-Pic (c) Dave Pluimer


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