Plaindrifter – Gestalt

| 19. Juni 2026 | 0 Comments
Plaindrifter

(c) Heike Leppkes

Endlich wieder erstklassig, das wird man sich in Gelsenkirchen vor wenigen Wochen gedacht haben. In einem ganz anderen Bereich spielt die Stadt im Ruhrgebiet aber bereits weit vorne mit, dafür sorgen Plaindrifter. Das deutsche Trio mag seine Stoner-Riffs, metallische Härte und proggigen Ideen. Nach einem starken ersten Album sollte vor allem letzterer Faktor intensiviert werden. Deswegen verzichtete man dieses Mal auf Live-Einspielung im Studio und konzentrierte sich stattdessen darauf, die deutlich komplexeren Arrangements umzusetzen – alles andere als einfach, musste man nach den Drum-Tracks doch plötzlich und unerwartet einen neuen Aufnahmeplatz finden. Und doch schwebt „Gestalt“ gekonnt über den Dingen.

„Moth Murmuration“ macht das auf exzellente Weise vor und arbeitet sich gemächlich mit Desert- bis Transistor-Party-ähnlichen Klängen voran. Bevor Yawning Man aufschlagen können, hebt der Song so richtig ab. Mächtige, verschwitzte Wände treffen auf den sehnsüchtigen und zugleich kraftvollen Gesang von Drummer Marcel „Uwe“ Kloß, der besser denn je klingt. Tiefe, nahezu psychedelische Täler und wütende, zugleich filigrane Druckwellen bauen sich in weiterer Folge auf. Dass das anschließende „Eternal Season“ von Anfang an in die Vollen geht und danach mehrere kleine Metamorphosen einläutet, passt ins Bild. Selbst für ein paar Tool-artige Klänge in den Schlussminuten bleibt Platz.

Die überlangen Tracks (mit Ausnahme des Zwischenspiels „Respite“ bewegt man sich ab der Sieben-Minuten-Marke aufwärts) bieten viel Freiraum, um sich auszutoben, und „Debaser“ passt da natürlich prima ins Bild. Plaindrifter perfektionieren ihr Spiel mit Ebbe und Flut, wobei die ausgedehnten ruhigeren Passagen doppelt und dreifach unter die Haut gehen. Zurückgelehnte Spannung mag ein Widerspruch in sich sein, umreißt das hier Dargebotene aber prima. Wenn sich nach minutenlanger Auslotung aufwühlender Desert-Rock-Stimmung urplötzlich der Song förmlich öffnet, dieses knackige, abgehangene Riff anlanciert und schließlich in willkommene Heavyness führt, ist alles eitel.

Jeder Song könnte hier stehen, unter anderem das angenehm launische „In Anima“ mit Ryan Garney von High Desert Queen, so hoch ist die Dichte dieser Platte, die trotz allem luftig und locker ausfällt. Plaindrifter verlieren sich mit wachsender Begeisterung in ihrer Musik und reißen auf sanfte, fast unbemerkte Weise mit, bevor sich die nächste gewaltige Druckwelle breitmacht. Desert- und Psych-Klänge als Fundament, progressiver Anspruch als Leim, der alles zusammenhält, und Stoner-Doom-Wucht ringsum tragen „Gestalt“ in höchste Höhen. Das deutsche Trio rennt mit diesem kleinen Meisterwerk offene Türen ein und ist schon jetzt in der Spitzenklasse angekommen.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 19.06.2026
Erhältlich über: Ripple Music (Bertus)

Facebook: www.facebook.com/plaindrifter

Slider-Pic (c) Heike Leppkes

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Category: Magazin, Reviews

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