Anderwelt – 2084

| 4. Januar 2021 | 0 Comments
Anderwelt

(c) Julia Mühlberger

Über 70 Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung haben weite Teile von George Orwells Dystopie „1984“ kaum etwas an Aktualität eingebüßt. Anderwelt aus Linz widmen dem Roman sogar ihr neues Album, verfrachten dessen Handlung allerdings um gleich 100 Jahre in die Zukunft. Wie sieht das Leben in einer post-orwellianischen Ära aus? Wie entwickelt sich eine zunehmend aus den Fugen geratene Welt? „2084“ befasst sich mit diesen und weiteren Fragen in vier epischen Monstrositäten.

Fünf Jahre nach dem Debütalbum gibt es nun also einen Nachfolger, und der macht einen ordentlichen Sprung nach vorne. Weiterhin in beklemmender Finsternis mit drückender Wucht angesiedelt – Post Metal trifft auf Doom mit gelegentlichen Post-Black- und Sludge-Elementen – bäumen sich die Songs gewaltiger denn je auf. Das eröffnende „Plenty“ zeigt prima, wohin die Reise geht, und stürzt sich erhobenen Hauptes den selbstgeschaffenen Abgrund hinab. Anderwelts fixe Integration eines Cellos in das Line-up kommt gut und erhöht die dramaturgische Dichte deutlich. Gemächlich schält sich monolithische Schwere aus dem Dickicht, von aggressiven bis gutturalen Vocals, geiferndem Biss und nebelverhangenen Wänden samt Eiseskälte begleitet. Der ruhige Einschub mit Cello und Klargesang ist magisch.

Zwei für Bandverhältnisse kurze Songs schlagen die Brücke zum finalen Giganten, doch auch diese haben ihre Qualitäten. „True“ kokettiert mit frontalen Uptempo-Ansätzen, einem Soundtrack-artigen Intermezzo und schwarzmetallischem Kargland. Letzteres taucht auch in „Luv“ auf und verpasst dem Exkurs eine gewisse Intensität, während die zweite Hälfte bleierne Wände und den feinsten, kaum sichtbaren Silberstreif einer Melodie einfließen lässt. Schließlich begeht die zweite Monstrosität „Pax“ die entscheidenden Schritte gen Untergang. Abermals taucht eine Frauenstimme aus den chaotischen Wirren auf und symbolisiert das Auge der Hoffnung im Sturm der emotionalen Zerstörung. Die Schleifen des dystopischen Wahnsinns eskalieren immer weiter, das Cello schwimmt oben mit, bevor das Kartenhaus der Gesellschaft unter lautem Donnerhall in sich zusammenfällt und ein kleines Requiem hinterlässt.

Zauberhafte Zerstörung 100 Jahre nach der totalitären Torpedierung des Selbst: Anderwelt haben lange Zeit an diesem neuen Werk gearbeitet, und das lohnt sich hörbar. „2084“ blüht auf jede mögliche und unmögliche Weise auf, wirkt einen ganzen Tacken druckvoller und intensiver als der ohnehin bereits voluminöse Vorgänger. Vor allem schlagen nun die sanfteren, nachdenklichen Momente dazwischen ein. Gerade das Cello entwickelt sich endgültig zum begeisternden Happening und verpasst einem ohnehin bereits grenzgenialen Album das passende Sahnehäubchen. Anderwelt brillieren mit einem im besten Sinne ernüchternden Leckerbissen.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 20.11.2020
Erhältlich über: Electric Fire Records

Facebook: www.facebook.com/anderweltband

Slider-Pic (c) Julia Mühlberger

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