Disillusion – Ayam

| 4. November 2022 | 0 Comments
Disillusion

(c) Sergey Sivushkin

Ein willkommenes Hallo, eine spannende Rückkehr, eine verdiente Ehrenrunde für Visionäre: Mit „The Liberation“ ernteten Disillusion 2019 endlich die verdienten Lorbeeren für ihren bereits Mitte der Nuller Jahre revolutionären, auf attraktive Weise komplexen Sound. Dann jedoch schob sich ein plötzlicher Riegel vor sämtliche Live-Aktivitäten, was irgendwie ins Bild passte. Dieses Mal geben Andy Schmidt und Band allerdings nicht nach: „Ayam“ bestätigt die bestechende Form auf nicht minder eindrucksvolle Weise.

Sie taumeln, fallen aber nicht: Das elfminütige „Am Abgrund“ eröffnet mit Nachdruck und zeigt die ganze Klasse des Quartetts. Es bleibt ordentlich Zeit, um sich sukzessive vorzuarbeiten, das Arrangement aufzubereiten, und dieses schließlich durch dicke Prog-, Death- und Groove-Fanfaren zu zerlegen. Schmidts unnachahmliche Vocals schneiden ins Fleisch, vermengen Bosheit mit erhabenen Momenten. Es kocht und dampft gewaltig, das erste Solo hebt ab und treibt den Track vor sich her. Im mehrminütigen Mittelteil wandern die Arme in Richtung Himmel und sehnen die Erlösung herbei … bevor der unvermeidbare, bittersüße und aufwühlende Absturz folgt.

Natürlich bleiben sich Disillusion treu und experimentieren weiterhin mit wachsender Begeisterung. Die Fragilität von „Nine Days“ setzt neue Akzente, bricht das Arrangement auf das Wesentliche runter und setzt kurze, pointierte Spitzen mit Neo-Prog-Schlagseite. Das gewaltige „The Brook“ beginnt ähnlich reduziert und bemüht in der zweiten Hälfte die Avantgarde. Im zweiten Giganten, „Abide The Storm“, reizen Disillusion ihre Möglichkeiten erneut aus und tanken sich durch schier unendliche Klangbögen. Wenn rund um die Neun-Minuten-Marke ein weiteres Plateau des Schönklangs angesteuert wird, fühlt sich alles eitel an.

Evolution statt Revolution, aber auf clevere Weise: Längst haben es Disillusion nicht mehr nötig, alles über den Haufen zu werfen und neue Ufer anzusteuern. Stattdessen arbeitet das Quartett am Finetuning und fährt damit richtig gut. „Ayam“ ist keinesfalls auf reine Ergebnisverwaltung und bemüht dennoch kleine Experimente, von Avantgarde bis Brechstange, gekonnt und geschickt in den eigenen Sound eingebunden. Das wühlt von der ersten bis zur letzten Sekunde auf und lässt eine Stunde lang neue, dennoch angenehm vertraute Welten erkunden – ein weiteres Überalbum, an dem man sich weder satt hören kann noch will.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 04.11.2022
Erhältlich über: Prophecy Productions (Soulfood Music)

Website: disillusion.de
Facebook: www.facebook.com/disillusionBand

Slider-Pic (c) Sergey Sivushkin

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Category: Magazin, Reviews

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