black midi – Hellfire

| 15. Juli 2022 | 0 Comments
black midi

(c) Atiba Jefferson

Ja, schon wieder: Keine 14 Monate nach „Cavalcade“ holen black midi zum nächsten Schlag aus. Komplett neu ist das Material des britischen Art-Trios vielleicht nicht, denn manche Exkurse haben live bereits einige Jahre auf dem Buckel, zudem entstanden die Aufnahmen zwischen Ende 2020 und Mitte 2021, kurz nach dem Zweitling beendet. Wo besagtes „Cavalcade“ die musikalische Öffnung in Richtung Jazz-Prog-Big-Band-Wahnsinn bemühte, treibt „Hellfire“ das dort verbaute Chaos auf die Spitze und klingt zugleich geordneter denn je; wie auch immer das funktionieren kann.

„Welcome To Hell“ bringt diesen alten, neuen Ansatz prima auf den Punkt. Das Leitriff ist furztrocken und grantig, Schlagzeug und Bass zittern darunter mit dem Schalk im Nacken, während Geordie Greeps nasale Stimme eine von vielen moralisch bedenklichen Figuren vorstellt, die in langen Monologen dieses Album begleiten. Nach knapp 110 Sekunden kommen Keyboard und Blechbläser hinzu, der Track schwillt plötzlich an und zieht in Richtung Chaos. Sogar ein kurzer, bratender Husarenritt zwischen Thrash und Punk geht sich aus. Im Gegensatz dazu gibt „The Defence“ den jazzigen Crooner, der sich in dramatischen Gefilden wohlfühlt und in den verrauchten Club abtaucht.

Ebenfalls unbedingt hörenswert ist „The Race Is About To Begin“, dass sämtliche sieben Minuten geschickt ausnutzt. Ein weiteres zittriges Riff leitet auf die falsche Fährte, dann leitet Greep die wortreiche Abfahrt ein – atemlos, hektisch, komplett überdreht. Die zweite Hälfte bemüht einen kompletten Stilbruch und croont erneut. Auch „Still“ fällt wunderbar aus dem Rahmen, ein recht melodischer Track, den Cameron Picton intoniert. Alternative Rock trifft auf Folk und etwas Rechenschieber. Hingegen kündigt „Sugar/Tzu“ ein gewaltiges Boxevent an und übt die Art-Punk-Abfahrt mit jazzigen Highlights. Was Morgan Simpson gerade in den hektischen Passagen aus seinem Drumkit herausholt, ist atemberaubend.

Tatsächlich löst sich der vermeintlich unglaubliche Widerspruch in Wohlgefallen auf: black midi übertreiben mehr denn je und klingen dennoch nahezu perfekt in der Spur. Fast jeder einzelne Song schlägt ein (Perlen wie „27 Questions“ oder „Eat Men Eat“ wollen keinesfalls unerwähnt bleiben), und selbst inmitten verrücktester Eskalationen finden sich erstaunliche Harmonien, packende Texturen und komplexe Verschiebungen, die letztlich doch irgendwie Sinn ergeben. Was auch immer black midi machen, sie machen es unfassbar gut und legen ihre bislang beste Platte vor. Es würde kaum überraschen, wenn sie sich schon sehr bald wieder selbst übertreffen.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 15.07.2022
Erhältlich über: Rough Trade Records / Beggars Group (Indigo)

Website: bmblackmidi.com
Facebook: www.facebook.com/blackmidi

Slider-Pic (c) Atiba Jefferson

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