black midi – Cavalcade

| 28. Mai 2021 | 0 Comments
black midi

(c) YIS KID

Panik? black midi kennen keine Panik, wiewohl sie allen Grund dafür gehabt hätten. Ihr chaotisches Debütalbum „Schlagenheim“ entwickelte sich zum Kritikerliebling und war für den Mercury Prize nominiert, Clips der Live-Sessions wurden millionenfach geklickt. Anfang 2020 verabschiedete sich zunächst Gitarrist Matt Kwasniewski-Kelvin in eine anhaltende Pause, um sich um seine mentale Gesundheit zu kümmern, dann lag der Tour-Tross aus verständlichen Gründen auf Eis. Und doch klingt das junge britische Trio auf „Cavalcade“ stärker denn je. Als jazzige Art-Rock-Big-Band drehen sie nun endgültig am Rad.

Geordie Greep, Cameron Picton und Morgan Simpsons holten sich für die neue Platte einfach einen Saxophonisten und einen Keyboarder ins Boot und klingen plötzlich ganz anders. Das eröffnende „John L“ bringt den generalüberholten Wahnsinn auf den Punkt. Ja, Greep nuschelt und grummelt nach wie vor herrlich skurril, die Verbindung des schrillen Riffs mit nicht minder kaputten Blechbläsern und dem hektischen Keyboard verkehrt Jazziges in Noise-Abfahrten. Schroffe Zäsuren, eine gewohnt donnernde Rhythmusabteilung und ein lupenreines Labyrinth-Arrangement verwirren mit wachsender Begeisterung. Selbst Primus dürften mit der Stirn runzeln.

Die kurzen, derben Episoden zwischendurch sind noch seltener geworden. Am ehesten erfüllt „Hogwash And Balderdash“ dieses Kriterium mit kompakten, schrillen Noise-Rock-Fanfaren und Jazz-Kadenzen. In „Marlene Dietrich“ wird Greep hingegen zum Crooner und taucht in das alte Hollywood ein. Sind das wirklich noch black midi? Das aufbrausende „Slow“, ausnahmsweise von Teilzeit-Sänger Picton intoniert, steht mehrfach an der Kippe zum Wahnsinn, bevor King Crimson zum Tänzchen mit Mute Math bitten. Der ellenlange Düster-Jazz von „Ascending Forth“ nippt am Martini im Vorhof zur Hölle und wartet bloß darauf, kopfüber in jenen Abgrund zu stürzen, den das vetrackte, aggressiv verkopfte „Chondromalacia Patella“ mit brutaler Gewalt zuvor aufgestemmt hatte.

Abermals wirken black midi ihrer Zeit voraus. Welche Zeit das sein mag, liegt freilich im Verborgenen, denn die Art und Weise, wie „Cavalcade“ durch arbiträre Genre-Grenzen gleitet, verzückt und verwirrt zu gleichen Teilen. Das mag nicht neu sein, doch die Sammlung kurioser Charaktere, die an der titelgebenenden Prozession teilnehmen, mutet sogar noch einen Tacken verstörender an. Das britische Trio legt seinen dynamischen Ansatz eine Spur jazziger aus, die teils spröde Trockenheit des Debüts klingt deutlich weicher und doch ganz und gar kaputt. Im großen Widerspruch entsteht erneut große Kunst.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 28.05.2021
Erhältlich über: Rough Trade Records / Beggars Group (Indigo)

Website: bmblackmidi.com
Facebook: www.facebook.com/blackmidi

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Category: Magazin, Reviews

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