Exist – Egoiista

| 25. August 2020 | 0 Comments
Exist

(c) Prosthetic Records

Ein lebensbedrohliches Bauchaortenaneurysma stellte nicht nur Max Phelps‘ komplette Existenz auf den Kopf, sie regte den Kopf von Exist zum Nachdenken über die Endlichkeit des Lebens und das fragile menschliche Dasein an sich an. So entstand ein Album, dessen Songs eigentlich nicht so neu sind. Sechs der acht neuen Tracks entstanden bereits vor dem Release des 2017er Albums „So True, So Bound“ und erhielten durch Schlagzeug-Neuzugang Brody Taylor-Smith endlich die nötige Dynamik. Nun landet das Prog-Mammutwerk „Egoiista“.

Der Sound des Quartetts lebte immer schon von allerlei Extremen, irgendwo zwischen Jazz und Death angesiedelt, und genau das servieren die US-Amerikaner auch jetzt. „Spotlight’s Glow“, der erste Vorgeschmack, packt all das mit wachsender Entgeisterung in einen Track. Vom schroffen, vertrackten Auftakt in media res mit brutalen Screams bis zum ersten melodischen Part über den sonnigen Solo-Groove bis zur geschlossenen Death-Schleife spuckt die Wollmilchsau allerlei aus. Wer die wütende, brutale Seite der Band schätzt, sollte „Until The Storm Comes“ lieben. Hier toben sich Exist nach allen Regeln der Kunst aus, schielen gelegentlich sogar in Math-artige Sprint-Gefilde und lockern durch geschickt gesetzte Retro-Prog-Harmonien das Geschehen auf.

Die konzeptuelle Klammer öffnet sich weit, denn der Opener „Through Suffering He Paints The Universe“ und der Rausschmeißer „Amongst The Trees“ arbeiten mit demselben Leitmotiv. Das sorgt nicht nur für fließende Übergänge mit der Repeat-Taste, sondern unterstreicht den in sich geschlossenen Ansatz dieser Platte geradezu exzellent. Obendrein arbeiten beide Songs mit fragilen Motiven und gekonnter Leisetreterei, die im richtigen Moment durch die epische Decke geht – als hätten sämtliche Opeth-Phasen zusammengefunden. Ein weiterer Leckerbissen ist der Zehnminüter „Infinite Monkey Theorem“, dessen frontale Explosivität rechtzeitig von jazzigem Wahnsinn und ganz feiner Klinge abgelöst wird – Kopfkino par excellence.

Will man etwas an „Egoiista“ kritisieren, dann ist es wohl die Spielzeit. Gerade Richtung Albummitte sackt das Werk etwas ab mit ein paar Wiederholungen und Gefälligkeitslösungen zu viel, die im Weg einer echten Meisterleistung stehen. Aber auch so ist die neue Exist-Platte trotz XXL-Ansatz unverschämt gut geworden. Wenn sich die US-Amerikaner auf das Wesentliche konzentrieren und ihrer experimentellen, offenherzigen Spielfreude den nötigen Raum gewähren, dann sind sie unschlagbar. Obwohl Exist gelegentlich eine Spur zu viel wollen, ist „Egoiista“ ein erfrischender Siegeszug anspruchsvoller Modern-Extreme-Prog-Kunst geworden. Nicht mehr und nicht weniger.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 28.08.2020
Erhältlich über: Prosthetic Records

Facebook: www.facebook.com/Exist

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Category: Magazin, Reviews

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