Kokomo – Totem Youth

| 14. November 2019 | 0 Comments
Kokomo

(c) Marvin Böhm

Ein Blick aus dem Fenster zeigt eine Welt, deren ungefilterte Hässlichkeit an die Substanz geht. Hoffnung scheint Mangelware zu sein, Selbstreflexion so gut wie unmöglich. Kokomo gefällt nicht, was sie sehen, und das wirkt sich auf ihre Musik aus. Das weitestgehend instrumental agierende Post-Rock-Quintett aus Duisburg legt sein emotionales Innenleben auf „Totem Youth“ offen und zeigt, dass es in einem Meer an reaktionärer Wut immer noch einen zarten Hoffnungsschimmer zu erspähen gibt.

Für Befindlichkeiten bleibt kein Platz, denn „Sterben am Fluss“ eröffnet – nicht nur mit einem bedrückenden Titel. Schwerfällig, beinahe doomig rollt das Kargland an und beschwört metallische Untergangsfantasien hervor, deren schiere Wucht sich immer wieder in aggressiven, entstellen Salven entlädt. Kokomo flirten stellenweise sogar mit einem Hauch von Sludge und häuten sich gleich mehrfach. Etwas später hat Tom Morris von Her Name Is Calla seinen großen Auftritt. Er leiht dem beklemmenden „Melodic Rock Night“ seine anderweltliche Stimmung und treibt die Entfremdung zu neuen Höhen.

Der Post-Wahnsinn ist an allen Ecken und Enden greifbar. Wie „Der Vogelmann“ seinen intensiven Druckphasen durch idyllische Zäsuren bricht, verwirrt zunächst, lässt schließlich verstörende Bilder vor den Augen tanzen. Stirbt hier gerade etwas oder jemand aus? Solch unbequeme Gedanken sind auf dieser Platte Standard, auch wenn es einige nettere Momente gibt. „Hold Me Closer, Unknown Dancer“ blüht beispielsweise in vertrauten Gefilden auf. Die ewig singende Gitarre schafft Intimität, der Ausgang dieser Quasi-Romanze bleibt jedoch ungewiss.

Und so rollt „Totem Youth“ immer und immer wieder in neuen, verstörenden Wellen an. Tatsächlich klangen Kokomo noch nie so finster und nachdenklich, spielen stärker denn je mit emotionalem Kargland und entdecken neue musikalische Ansätze. Und doch schleichen sich ab und an zarte Ansätze aufkeimender Hoffnung ein. Noch kann der Untergang verhindert werden, und dieses kleine Storytelling-Wunderwerk, die stärkste Platte der deutschen Nachbarn, setzt ein gewaltiges Ausrufezeichen höchster Post-Something-Kunst.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 15.11.2019
Erhältlich über: I.Corrupt.Records / dunk!records / A Thousand Arms

Facebook: www.facebook.com/kokomoband

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Category: Magazin, Reviews

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