Bell Witch – Mirror Reaper

| 17. Oktober 2017 | 0 Comments
Bell Witch

(c) David Choe

Für viele Künstler ist es scheinbar ein Fest, die Hörgewohnheiten ihres Gefolges zu testen, deren Geduld und Durchhaltevermögen entsprechend auszuloten. Zu den beliebtesten Werkzeugen in diesem Bereich zählt der überlange Song, der gerne schon mal ein ganzes Album umklammern darf. Bell Witch verlangen diesem Konzept wahrlich alles ab mit ihrer dritten Platte „Mirror Reaper“: ein Song, über 83 Minuten Spielzeit komplexester Doom-Action. Wohl bekomm’s.

Diese Monstrosität beschäftigt sich mit dem Grundsatz der Hermetik, demzufolge zwei Seiten ein großes Ganzes formen und ohne einander nicht existieren können. „Mirror Reaper“ ist somit Positiv und Negativ eines Bildes zugleich. Entsprechend kollidieren bleierne Schwere und ruhige, beinahe ätherische Klänge miteinander. Der lange, minutiös genaue Aufbau ließe sich wohl eher in post-metallischen Gefilden verorten, bekommt dem Epos aber richtig gut.

Nach und nach setzten härtere Passagen mit ein wenig Knurren und Growls ein. Bell Witch erinnern hier an ihren verstorbenen Ex-Drummer Adrian Guerra mit einem kurzen wie intensiven Requiem, bevor langsam aber sicher Ruhe einkehrt. Weite Teile der zweiten Hälfte wirken butterweich und schweben förmlich aus den Boxen. Das Duo aus Seattle bemüht sich um absoluten Doom-Minimalismus mit feiner Klinge, sehnsüchtigem Klargesang und mächtigen Zeitlupen-Drum-Hits, bevor das monolithische Konstrukt nach einem kurzen, lauteren Abschnitt schließlich zum Erliegen kommt.

Geduld und Sitzfleisch – zwei Eckpunkte dieser eindrucksvollen wie gekonnt überfordernden Platte. Man muss sich „Mirror Reaper“ schon mehrmals, überaus genau und betont ausdauernd anhören, um sämtliche Facetten dieses schwierigen wie leidenschaftlich intonierten Albums auch nur einigermaßen begreifen zu können. Vielleicht bleiben Bell Witch ab und an zu gerne in gewissen ausladenden Passagen hängen, gerade der atmosphärische Schlussteil kann sich schon ziehen, und trotzdem bleiben diese 83 Minuten fast durchgehend unheimlich spannend, clever und mitreißend – ein Monolith für fortgeschrittene (Post-)Doom-Fans.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 20.10.2017
Erhältlich über: Profound Lore Records (Soulfood Music)

Facebook: www.facebook.com/BellWitchDoom

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Category: Magazin, Reviews

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