BIG|BRAVE – in grief or in hope

(c) Stacy Lee
Das Unvorhersehbare ist bei BIG|BRAVE stets näher, als man glaubt. Nach mehreren natürlich-folkigen Meditationen mit aller gebotener Heavyness wollten die Kanadier in eine deutlich gitarrenlastigere Richtung gehen. Tour-Bassist Liam Andrews steht Sängerin/Gitarristin Robin Wattie und Gitarrist Mathieu Ball zur Seite, auf die Schlagzeug-Künste der vielbeschäftigten Tasy Huson verzichtet man hingegen. Entsprechend roh, zermürbend und urgewaltig fällt das mittlerweile zehnte Studioalbum „in grief or in hope“ aus, das sich mehr denn je klassischer Drone-Ästhetik widmet.
Wattie wollte auf diesem neuen Longplayer mit eingängigen melodischen Elementen experimentieren und diese als Gegenpol zu Drone-Wucht und brutaler Intensität stellen, angetrieben von so elementaren Gegensätzen wie Leben und Tod, Trauer und Hoffnung. „what may be the kindest way to leave“ lebt derlei Meditationen mit wachsender Begeisterung aus. Brütende Heavyness trifft auf erstaunlich harmoniebedürftige Vocals, die beinahe so etwas wie eine Mini-Hook bereithalten. Siebeneinhalb Minuten verharren weitestgehend in einem noisigen Zen-Zustand, wobei die zwischenzeitliche Reduzierung der kratzigen Schleifen auf ein absolutes Minimum beinahe so etwas wie eingängige Entspannung schafft.
Was sich paradox liest, ist letztlich nur ein kleiner Teil dieser wahnwitzigen Mischung. In „verdure“, ein klarer Bezug auf „Feral Verdure“ aus dem Jahr 2014, scheint ein Didgeridoo das Heft in die Hand zu nehmen. Verstörende, anderweltliche Schleifen und unschuldige Vocals führen ans Limit, später sorgen Gitarren und Effektpedale für eine unwirtliche Atmosphäre. „the ineptitude for mutual discernment“ ist alleine als Titel bereits großartig, doch wissen die tatsächlichen, hochgradig minimalistisch angelegten Melodieansätze wahrhaftig zu verzaubern. Großartige Vocal-Spuren gehen direkt ins Ohr. Hingegen hat das Kargland von „an uttering of antipathy“ über weite Strecken den gegenteiligen Effekt, bis der Schlussakt mit folkigen Untertönen unter die Haut geht.
Wieder und wieder zerstört „in grief or in hope“ komplett, setzt kurzzeitig zusammen und beginnt den Prozess von vorne. BIG|BRAVE lehnen sich für ihre Verhältnisse weit aus dem Fenster und sorgen für aufregend frischen musikalischen Wind. Der Verzicht auf Drums überrascht, fällt letztlich aber nicht wirklich ins Gewicht, weil die Art und Weise, wie der verstärkte Drone-Fokus letztlich durchgeführt wird, so und so alles überlagert. „in grief or in hope“ wandelt auf einem schmalen Grat zwischen noisiger Überforderung und erstaunlich belebender Intimität. Das erhoffte Spiel mit krassen Kontrasten und schemenhafter Eingängigkeit gelingt auf ganzer LInie.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 12.06.2026
Erhältlich über: Thrill Jockey Records (Indigo)
Website: www.bigbrave.ca
Facebook: www.facebook.com/bigbravemusic


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