LUGOSi – The Scars

(c) David Fritz Goeppinger
Geduld ist im Hause LUGOSi eine Tugend. Das Quintett aus Paris ließ zwischen seiner ersten Demo und dem Albumeinstand „Inconsolable“ stolze sechs Jahre verstreichen. Der chaotische Mix aus Hardcore, Punk, Screamo und Noise Rock konnte in der Zwischenzeit wachsen und gedeihen, zudem arbeitete die Band konzentriert daran, Klischees harter Musik aufzubrechen und als queere, inklusive Formation Safe Spaces vor und hinter der Bühne zu schaffen. „The Scars“ setzt den Weg konzentriert fort, ist bewusst politisch unterwegs und verarbeitet zugleich persönliche Erinnerungen, Traumen und Gefühle von Hilflosigkeit.
Gleich zu Beginn wird gezündelt: „Matches“ rattert in knapp zwei Minuten durch und klingt wie die logische Evolution des Vorgängers. Hardcore, Punk, Metal und noisiges Chaos finden zusammen, eskalieren wiederholt und finden doch Platz für einen Hauch Melodie. Zunehmend frustierte Screams fachen das Feuer an. Danach kämpft sich „Kate Whispers“ durch Widrigkeiten, schwerfällig und explosiv zugleich. Eine gewisse Schwere liegt über diesem Track, Converge und Self Defense Family finden zusammen. Aus dem vermeintlichen Widerspruch entspringt „The Fire“ und rundet das Eröffnungstrio ab. Ruppige Stakkato-Attacken, erstaunlich hymnische Momente, selbstzerfleischender Post-Hardcore und ein Saxofon-Solo von Patrick Shiroishi (The Armed) finden zusammen.
Auch im weiteren Verlauf räumen die Franzosen mit wachsender Begeisterung ab. Da wäre beispielsweise das nervöse „Ghosts Of Christmas Past“, das erst einmal Noise Rock in den Mittelpunkt rückt und wiederholt versucht, aus etwaigen Limitierungen auszubrechen. Der charmante Akzent kommt beim halb gebrüllten, halb gesungenen Songtitel durch, rundherum drehen LUGOSi am Rad und lassen doch vereinzelte Harmonien zu. Die komplette Reizüberflutung von „Another Downer“ ist ebenfalls großartig. Gefühlt wird der Fünfminüter immer schneller, selbst in den zwischenzeitlichen Entlastungsparts, bevor sich der Schlussakt langsam, aber sicher in semi-melodische Gefilde zurückzieht. Und auch „Everything Ends“ lässt eingängige Abschnitte erkennen, vom ersten Husarenritt bis zum melancholischen Outro.
Geduld ist bei diesem zweiten Album auf jeden Fall Pflicht, denn einfach macht es die Band aus Paris niemandem, schon gar nicht sich selbst. Zunächst stellt sich Reizüberflutung ein, wie schon beim Vorgänger, die komplette und kompromisslose Überforderung des Seins macht sich breit. Und dann schlägt das Herz plötzlich ein wenig lauter, intensiver. „The Scars“ bleibt natürlich seinen Extremen treu, keine Frage, nur um über diese hinauszuwachsen. Tiefe Abgründe öffnen sich und machen Platz für schüchterne Melodien, für emotionale Schwere, für seltene hymnische Momente … bis zum nächsten noisigen Absturz. LUGOSi entwickeln sich auf hochspannende Weise und konsolidieren sich auf hohem Niveau.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 18.09.2026
Erhältlich über: Eigenvertrieb
Facebook: www.facebook.com/LUGOSiFR


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