
Vocals, Bass: Rajeh "James" Khazaal
Guitars: Rami Mustafa
Guitars: Barnaby "Barney" Ribeiro
Drums: Louis Rando
Genre: Death Metal
Website: www.nervecell.net
Myspace: www.myspace.com/nervecell
Rein geographisch gesehen sind Nervecell eine Sensation. Death Metal aus Dubai? Todesstahl aus den Vereinigten Arabischen Emiraten? Klingt komisch, funktioniert aber hervorragend. Seit Monaten tourt das Quartett durch Europa. Auf dieser Reise wurde auch bei Lifeforce Records unterschrieben, die das Debütalbum "Preaching Venom" nach Österreich bringen. Im Rahmen ihres Auftritts in Marchtrenk berichten Nervecell in ihrem ersten Interview mit einem österreichischen Metal-Medium von ihren Eindrücken im europäisch-musikalischen Dorf und analysieren die nicht vorhandene Metalszene ihres Heimatlandes. Dazu bekommt New-Jam-Veranstalter Bernhard Stegh noch den Bauch gepinselt.
Ihr habt gerade einen fantastischen Gig gespielt. Was nehmt ihr von diesem Konzert mit?
James:
Das war unser erstes Mal in Österreich und es war großartig. Die Leute sind unheimlich abgegangen, es gab Circlepits und Moshpits – die Energie war großartig. Wir müssen von bei Bernhard bedanken, er hat eine starke Show auf die Beine gestellt.
Rami:
Eigentlich sind wir gegen Wall of Deaths – die Leute sollen lieber aufeinander aufpassen – aber unser Sänger James hat sich dazu hinreißen lassen. Ich entschuldige mich für ihn (lacht). Fantastisches Publikum, Headliner auf diesem Festivals – wir haben 120% gegeben. Wir haben Bernhard auf dem Metalcamp vor zwei Jahren getroffen, er hat uns nach Marchtrenk geholt. Wir können es kaum erwarten wieder zu kommen.
Barney:
Ich hatte diese Energie nicht erwartet, schließlich sind wir zum ersten Mal hier. Wir haben uns schon lange auf diese Show gefreut, weil wir noch nie in Österreich waren. Für uns war das ein exotisches Land. Die Leute sind ausgeflippt! Wenn man keine großen Erwartungen hat und die Leute derart abgehen, ist das einfach unglaublich.
Louie:
Die Show war fantastisch und hätte nicht besser sein können. Ich muss noch einmal Bernhard erwähnen (lachen), der einen großartigen Job gemacht hat vom Catering bis zur Show an sich. Marchtrenk hat unsere Erwartungen übertroffen. Danke, Österreich!
Lasst uns nun von etwas anderem sprechen, bevor Bernhards Kopf noch größer anschwillt...
Bernhard:
Ich bin nicht dick! (lachen)
Dein Kopf! Egal, ihr seid auf einer ausgedehnten Europatour. Wie zufrieden seid ihr mit dem bisherigen Tourverlauf?
Barney:
Es läuft verdammt gut. Wir waren im Juni bereits auf Festival-Tour, haben unter anderem Rock am Ring, Rock im Park, With Full Force und Wacken gespielt. Zwischen diesen Dates haben wir weitere Einzelshows gebucht, was sich als ziemlich anstrengend herausgestellt hat, weil wir ohne Booker auskommen mussten. Für unsere erste Europatour läuft es wirklich gut.
Rami:
Außerdem besuchen wir all diese Länder zum ersten Mal, wie zum Beispiel Österreich. Danach geht es unter anderem nach Belgien. In Holland waren wir auch schon, wo die Clubshows verdammt gut gelaufen sind. Wir haben beinahe acht Monate gebraucht, um diese Tour voll zu bringen. Wenn ich mich recht erinnere, war Bernhard der erste, der bei uns bereits vor einem Jahr angefragt hat.
James:
Außerdem kommen laufend neue Dates hinzu. Vor ein paar Tagen erst haben wir einen Gig in Berlin bestätigt bekommen. Es läuft gut. Das Feedback ist gut, wir machen alle Ups & Downs mit. Auf dem With Full Force waren die Jungs von Lifeforce Records dabei und haben uns einen Plattenvertrag vorgelegt. Wir haben mitten unter dieser Tour einen Vertrag unterschrieben, was einfach fantastisch ist. Fast täglich gibt es gute Neuigkeiten und wir können es kaum erwarten weiter zu reisen. Hell yeah!
Louie:
Dem kann man nicht mehr viel hinzufügen. Es wird immer besser und besser. Ich verbeuge mich vor den Nervecell-Jungs, die die komplette Tour organisiert haben. Ich selbst bin ja erst in letzter Minute an Bord gekommen um den Posten am Schlagzeug zu übernehmen.
Bremsen wir den Enthusiasmus mit einer langweiligen Standardfrage: Nervecell gibt es bereits seit 2000. Seither habt ihr euch mit verschiedenen Lineup-Wechseln herumschlagen müssen. Könnt ihr mir einen kleinen Einblick in eure Bandgeschichte gewähren?
Barney:
Ich mach es so kurz wie möglich (lacht). Wir wollten einfach nur Spaß haben, auf der Bühne stehen, ein paar eigene Songs spielen. Es gab nie den Plan nach Europa zu gehen, solche Ambitionen hatten wir nicht. Die Emirate sind auch nicht gerade ein Metal-Land. Wir haben ein paar Shows in Dubai gespielt und ein Album veröffentlicht, für das wir gute Kritiken einfahren konnten. Also haben wir uns gefragt, warum wir eigentlich nicht auch außerhalb unseres Landes spielen sollten. Die ersten drei Jahre waren wir zu fünft unterwegs. Ich habe Rami und James 2003 getroffen. Mit ihnen hat sich unser Sound grundlegend verändert. Wir haben unsere Hardcore-Wurzeln abgelegt und uns in Richtung Death Metal entwickelt. Zuerst haben wir Bands wie Hatebreed und Obituary gecovert, dann eigene Songs geschrieben. "Preaching Venom" hat uns auf die Landkarte gebracht. Wir haben vier Jahre hart daran gearbeitet und die Leute sind darauf abgefahren. Seit 2003 sind James, Rami und ich gemeinsam als Nervecell unterwegs, wir haben unseren Amateurstatus abgelegt und arbeiten seither wie eine professionelle Band. David Haley von Psycroptic hat die Drums auf "Preaching Venom" eingespielt. Louie haben wir auf unserer Australien-Tour 2007 kennengelernt. Die Chemie zwischen uns ist gut, er steckt all seine Energie in Nervecell. 2007 haben wir auch zum ersten Mal in Europa gespielt, auf dem Metalcamp. Und nun, zwei Jahre später, kommt unser Album in Europa raus. Wir spielen große Festivals und kleine Clubshows, werden überall begeistert aufgenommen. Das motiviert uns jeden Tag aufs Neue.
Hier in Europa ist man mit einer großen, nicht enden wollenden Metal-Szene gesegnet. Es ist schwer vorstellbar, wie groß sich die Bandbreite in einem für uns exotischen Land wie den Vereinigten Arabischen Emiraten darstellt. Gibt es in eurer Heimat so etwas wie eine Metal-Szene?
Rami:
In den späten 90ern war die Metal-Community verschwindend gering, kaum mehr als 100 Leute. Für uns war Musik ein Hobby. Wir kannten den Metal Hammer und MTV, das war es schon. Jahrelang haben wir unsere Leidenschaft für Metal gelebt, bis wir uns schließlich trafen. In Europa schaltet man eine Anzeige, wenn man eine Band suchen will. In den Emiraten ist das nicht möglich, weil Metal nur ein überaus kleines Nischenpublikum bedient. Jedes Jahr entstehen einige neue Bands – manche sind sogar richtig gut – nur um sich nach kürzester Zeit wieder aufzulösen, weil sie entweder wieder das Land vermüssen. Oft sind sie Gastarbeiter – ich meine deren Kids, die Metal hören und spielen – deren Vertrag ausgelaufen ist und die wieder in ihr Land zurückkehren. Bei uns war es ähnlich. Ich war kurzzeitig in einem anderen Land, Louie kommt aus Australien. Es gibt einfach keine wirkliche Szene, nur sehr wenige Bands, kaum Auftrittsmöglichkeiten. Metal hat seine Aufs und Abs. Dubai ist eine moderne Stadt, die wie kaum eine andere Stadt im arabischen Raum floriert. Hier wird Metal akzeptiert. Zwar haben Länder wie Ägypten und Syrien größere Szenen – mehr Bands und mehr Underground-Shows – aber es ist dort wesentlich schwerer in einem großen, kommerziellen Rahmen Erfolg zu haben. Dubai ist nun mal eine große Stadt, das Zentrum für Wirtschaft und Unterhaltung im arabischen Raum.

Rami hat den kommerziellen Aspekt Dubais betont. Viele Investoren und Promoter versuchen Shows und Festivals auf die Beine zu stellen. Die meisten Promoter stehen allerdings auf HipHop, weil man damit leicht Geld macht. Dubai ist bekannt für seine Rap-Szene. Das Dubai-Rock-Festival hat eine gewisse Rock- und Metalwelle losgetreten. Hier spielen einmal im Jahr die größten Metalbands der Welt. Es ist wie Wacken für den arabischen Raum. Aus allen Nachbarländern kommen Menschen nur für dieses Festival. Iron Maiden haben auf dem Desert Rock gespielt. Ein Jahr später sind sie für eine Soloshow zurückgekehrt, weil sie gemerkt haben, dass die Menschen in Dubai Metal lieben. Es gibt also eine Szene. Sie ist noch klein und wächst langsam, aber sie wächst. Das also ist Dubai und der Mittlere Osten.
Die arabische Welt hat in Europa ein recht konservatives Image, besonders auf politischer...
James:
Das gilt nicht für Dubai, vor allem im Vergleich mit unseren Nachbarländern und den anderen Emiraten. In Dubai gibt es mehr Gastarbeiter als Staatsbürger der Emirate. Menschen aus aller Welt arbeiten und investieren hier. Die Regierung in den anderen Golfstaaten, wie Bahrain, Kuwait, Katar und den Emiraten ist Metal gegenüber nicht negativ eingestellt. Natürlich gibt es Kontrollen. Man will nicht, dass sich die Leute stark betrinken. Vor ein paar Jahren gab es in Dubai einige Underground-Shows. Warum diese verschwunden sind? Die Promoter haben gesehen, dass die Besucher die Gigs nicht zu schätzen weiß. Es geht also nicht nur um die Region oder die Regierung, es geht auch um das Publikum, um die Metal-Fans. Die Regierung wird keine Gesetze erlassen oder Kontrollen durchführen, solange die Leute sich selbst und andere respektieren.
HipHop und RnB dominiert die Charts in Dubai. Dennoch habt ihr es mit "Preaching Venom" in die Top 20 der Hitlisten geschafft. Wie außergewöhnlich ist das für eine Metalband?
Rami:
Wir waren auf Platz 14 der internationalen Charts, noch vor Celine Dion. Wir hatten absolut keine Erwartungen. "Preaching Venom" war das erste Album, das es auch in normalen Musikgeschäften zu kaufen gab. Unsere bisherigen EPs und Demos haben wir nur auf unseren Konzerten verkauft. Zwei Wochen nach Veröffentlichung bekommen wir einen Anruf, dass wir in den Top 20 der internationalen Charts von Virgin Megastore – eine große Kette in den Emiraten – stehen. Das zeigt uns, dass Metal eine Chance in Dubai hat, auch ohne teure Werbekampagne. Wir konnten der Presse unseren Charteinstieg auch nicht erklären. Offensichtlich haben wir ein Publikum in Dubai.
"Preaching Venom" erscheint am 23. Oktober nun auch in Europa über Lifeforce Records. Handelt es sich hierbei um den VAE-Release, oder gibt es Bonusmaterial? Wurde dem Album ein neuer Soundanstrich verpasst?
Rami:
Der Lifeforce-Release kommt mit der 2004 veröffentlichten EP "Human Chaos" als Bonusmaterial, um den europäischen Fans ein kleines Extra zu geben. Damit bekommen sie die bisherigen neun Jahre von Nervecell in einem. Die Idee kam von Lifeforce und hat uns sofort gefallen.
Barney:
Wir haben auch darüber nachgedacht die EP zu remastern, sie aber letztendlich so belassen, wie sie ist.
Rami:
Im Endeffekt touren wir auch für den Europa-Release, auch wenn wir den Vertrag erst während der Tour unterschrieben haben. Wir werden nun weiter hart an uns arbeiten und neue Songs schreiben. Wer weiß, vielleicht gibt es 2010 bereits neues Material zu hören.
Könnt ihr von Nervecell leben?
Barney:
Schreckliche Frage! (lachen) Darüber diskutieren wir immer wieder. Mit extremer Musik ist es verdammt schwer, besonders weil die CD-Verkäufe im Keller sind. Sogar für große Bands ist es hart. Wir arbeiten daran und wollen unbedingt von Nervecell leben können. Wenn es nicht klappen sollte, setzen wir uns halt ins Büro, um die nächste Tour zu finanzieren. Das letzte Jahr beschäftigen wir uns mit dieser Frage. Wir sind gerade erst mit unseren Studien fertig geworden – neben dem Songwriting zu "Preaching Venom" haben wir unsere Abschlussarbeiten geschrieben, weswegen es auch so lange bis zur Veröffentlichung gedauert hat. Somit haben wir eine abgeschlossene Ausbildung, auf die wir uns verlassen können. Wir wollen einfach so oft wie möglich auf Tour bleiben, um eine Vollzeit-Band zu sein. Ob es klappt, wissen wir nicht, aber wir arbeiten daran. Wer weiß, vielleicht können wir in drei Monaten von Nervecell leben und müssen nicht den ganzen Tag im Büro sitzen.
Wenn diese Frage schon schrecklich war, wartet mal auf die nächste. Was denkt ihr über die obligatorischen Internetstimmen ("blabbermouthing"), die euch nur als relevant bezeichnen, weil ihr aus einem exotischen Metal-Land kommt?
Barney:
Es ist keine große Wissenschaft. In Dubai kann man viel Geld machen, dicke Autos fahren und in großen Häusern mit wunderschönen Frauen leben. Warum also eine Metalband gründen? Das wäre doch absolut unlogisch. Dubai ist so verdammt kommerziell, wir haben gute Abschlüsse und könnten in großen Firmen arbeiten. Aber weißt du was? Diese Dummschwätzer können mich mal. Wir spielen in einer Metal-Band, weil wir auf die Musik stehen und es uns als Freunde zusammengebracht hat. Außerdem wollen wir anderen Bands in der Region Hoffnung machen. Man muss sich nicht der großen Schafherde anschließen und tun, was alle anderen tun. Klar, wir machen kein Geld, aber wir wollen auf Tour sein, Musik schreiben und Leute treffen. Darum geht es uns.
Rami:
Ein Teil unseres "Erfolges", wenn man so will, ist, dass wir diese sogenannten Kritiker nerven und Lügen strafen. Selbst meine Freunde und andere Bands aus der Region halten uns für reich und durchgeknallt, aber wir müssen hart arbeiten und sparen, um auf Tour gehen zu können. 2009 war ein unglaubliches Jahr für uns, weswegen wir über solche Kommentare nur lachen können. Es inspiriert uns noch härtere Riffs zu schreiben (lacht). Erst heute hat uns einer gesagt, dass wir reich sind. Er hat keinen Plan, wie schwer es ist. Vielleicht schreiben wir eines Tages ein Buch darüber (lacht).
Dubai ist momentan eure Basis, ihr wollt allerdings zu einer Vollzeit-Touring-Band werden. Außerdem wohnt Louie in Australien. Könnt ihr euch vorstellen in ein anderes Land zu ziehen und von dort aus zu operieren?
Barney:
Bislang hat es für uns funktioniert von Dubai aus zu touren. Wir sind gerne dort, weil wir unsere Familien in Dubai haben und von ihnen großartig unterstützt werden. Allerdings gehen wir eben auch gerne auf Tour in ferne Länder. Lifeforce hat nichts dagegen, die Promoter stört es nicht und wir genießen unseren Status. Wir versuchen immer wieder eine Tour durch den Mittleren Osten mit größeren und kleineren Bands aus aller Welt und der Region zu machen, aber es funktioniert einfach nicht, die organisatorischen Hürden sind unvorstellbar.
Abschließend bitte ich euch um ein paar Worte an unsere Leser und eure österreichischen Fans:
Rami:
Danke für deine Zeit. Das war unser erstes Interview in Österreich. Wir hoffen, dass uns die österreichischen Fans gewogen bleiben. Keep it metal!
James:
Zum ersten Mal in Österreich. Wir lieben Europa. Und wir werden nicht zum letzten Mal hier sein. Für uns ist Europa unsere musikalische Heimat. Hier stimmt alles, vor allem die Unterstützung. Wir zahlen den Respekt mit vollem Einsatz zurück. Österreich und Europa – hier sind wir!

Super, Interview! Und vor allem war die AfterShow Party sau GEIL!!!14.10.2009 06:10
Tolle Jungs, tolle Band, tolles Album und ein recht interessantes, chilliges Interview! Nervecell rockt!13.10.2009 23:04
Das sind ja mal wirklich nette Jungs :)13.10.2009 22:57

