Hippotraktor – Annihilist

(c) Sam Coussens
Hippotraktor arbeiten weiterhin konzentriert an ihrer eigenen musikalischen Nische. Das Quintett aus dem belgischen Mechelen bewegt sich irgendwo zwischen drückender Heavyness, technisch-proggigem Anspruch und feiner, ätherischer Klinge. Für ihr drittes Album wollen sie die Stärken der Vorgänger bündeln, verbinden die Atmosphäre von „Meridian“ mit der technischen Versiertheit von „Stasis“. „Annihilist“ spinnt zugleich den narrativen Faden rund um den namenlosen Protagonisten der beiden bisherigen Platten weiter, der mit seiner Rolle als Experiment einer nicht näher benannten Gottheit ringt und nach Frieden sucht.
Dieses Mal wurde der kreative Prozess deutlich offener gestaltet. Während Gitarrist Chiaran Verheyden zuvor fertige Instrumentals an den Rest der Band schickte, gab es dieses Mal vor allem maximal halbfertige Stücke, die gemeinsam erarbeitet wurden. Das hat hörbar gut funktioniert, siehe und höre Tracks wie „Courageous Apathy“. Hinter dem wuchtigen Auftakt steckt ein furioses Labyrinth an Riffs und Djent-Wänden, das wütende Growls jedoch schnell in himmlischen Klargesang und emotional aufgeladene Melancholie verwandelt. Fortan tobt eine Art imaginärer Kampf zwischen den beiden Extremen, die abwechselnd die Oberhand gewinnen, gelegentlich zusammenfinden, zwischenzeitlich (rund um die Drei-Minuten-Marke) spektakulär explodieren und schließlich mit fast jazziger Instrumentalkunst abrunden.
Hippotraktor haben einen gewissen Hang zum instrumentalen Abdriften, das kennt man beispielsweise schon von „Everything Is Permissible“, das sich mittendrin zu einem verspielten Prog-Rock-Track entwickelt und die Gitarre regelrecht singen lässt. Wenn zwei Minuten später ein monumentales, brutalistisch-hymnisches Finale entsteht, könnte der Kontrast kaum größer sein. Auch „Builder Of Eden“ mit Loïc Rossetti (ehem. The Ocean) mag sein Spiel mit Gegensätzen, setzt auf getragenes Tempo und bleierne Schwere. Nahezu schüchtern arbeitet sich der Gesang aus den Untiefen des Arrangements, steht stellenweise fast alleine da, nur um von einer monumentalen Sludge-Wand nahezu erschlagen zu werden. Wenn in der Schlussminute beide Welten zusammenfinden, entsteht Himmlisches.
Einmal mehr kratzen die Belgier am ganz großen Wurf, doch fehlt weiterhin das gewisse Etwas. Speziell die etwas plötzlichen, krassen Prog-Stilbrüche mit jazzigen Instrumentals drücken ab und an auf den Fluss der Songs, die vom neuen kollektiven Songwriting-Ansatz allerdings hörbar profitieren. „Annihilist“ schafft es noch besser als bisher, den Hang zu wüsten Extremen und Tech-Herausforderungen mit gespannter Atmosphäre, ehrlicher Emotionalität und feinsinnigen Hymnen zu verbinden. Hippotraktor finden einen spannenden Mittelweg, der jetzt schon richtig stark unterwegs ist und das Zeug zum ganz großen Wurf andeutet. Es wohl weiterhin nur eine Frage der Zeit.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 02.10.2026
Erhältlich über: Pelagic Records
Website: hippotraktor.com
Facebook: www.facebook.com/hippotraktorband


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