Interview mit Bryce Lucien von Seeker

| 6. November 2013 | 0 Comments

Seeker

Mit „Unloved“ veröffentlichten die Texaner Seeker vor ein paar Tagen eines der härtesten und sperrigsten Alben des Jahres. Demonic-Nights sprach mit Frontmann Bryce Lucien darüber, was hinter dieser Band steckt, wie er seine musikalischen Visionen verwirklichen konnte und wie sehr ihn sein eigener Plattenvertrag letztlich überraschte. Außerdem erklärt Lucien, wie schwer er es sich selbst machte, dieses Album zu schreiben, und welche überaus kreativen Gedanken hinter dem Bandnamen Seeker stecken.

Eurer Biographie zufolge gründeten sich Seeker vor zwei Jahren aus den Ruinen verschiedener texanischer Metal-Bands. Kannst du mir ein wenig über eure früheren Bands, die Entstehungsgeschichte von Seeker und die Schwierigkeiten, ein stabiles Lineup zu finden, erzählen?

Ich hatte mit unserem Drummer bereits 2008/2009 für eine kurze Zeit getourt und war mit ihm in Kontakt geblieben. Als wir unterschiedlichen Bands beitraten und ich weiterhin auf Tour ging, haben wir uns langsam aus den Augen verloren. Schließlich hatten wir beide keine Projekte oder Konzerte am Laufen – ich arbeitete einige Zeit als Tour-Manager – also trat ich mit ihm in Kontakt und wir schrieben Material für eine Band, die letztendlich Seeker wurde. Zu dieser Zeit war ich sehr daran gewöhnt, gemäß sehr strengen Regeln zu schreiben sowie mich und meine Kunst zu präsentieren. Die Bands, in denen ich zuvor gespielt hatte, waren bedeutend älter und etablierter, das heißt bereits einen Sound, ein Image etc. hatten. Seeker begannen als Reaktion darauf. Ich wollte eine Band, die mir erlauben würde, jene Art von Musik zu schreiben, auf die ich Lust hatte, jene Dinge zu erforschen, die ich erforschen wollte, und die Präsentation so extrem wie möglich zu gestalten. Seeker bedeutet für mich absolute Freiheit. Leider ist es extrem schwer, absolute Freiheit sowie den Wunsch, betont Dinge anders zu machen, um sich nicht sicher oder normal zu fühlen, mit einer Band zu realisieren. Dieser Arbeitsmoral, von der ich wusste, dass sie uns weit bringen würde, mussten alle unsere gegenwärtigen und ehemaligen Mitglieder Tribut zollen. Wir spielten unsere erste Show und gingen bereits in der folgenden Woche auf unsere erste Tour. Diese DIY-Tourneen zogen wir ein Jahr lang durch, verloren einen Bassisten, einen Sänger und mussten zeitweise ohne unseren Schlagzeuger touren. Erst im Dezember vergangenen Jahres erreichten wir ein solides, gesundes, funktionierendes Lineup.

Woher kommt euer Bandname? Wonach sucht ihr?

Drogen. Unsere Band sucht nach Drogen. Wir alle konsumieren täglich einen Cocktail aus Meskalin, Ecstasy und PCP. Es ist auf keinen Fall möglich, dass wir uns mit einem bedeutungslosen Namen abgefunden haben, weil unsere ersten Live-Shows ins Haus standen und wir uns nicht entscheiden konnten…

Vor den Aufnahmen und dem Releases eures Debütalbums wart ihr ordentlich unterwegs. Wie weit euer Material vor eurem ersten Studioaufenthalt fertig und in wie weit stand euch Material für eure Konzerte zur Verfügung?

Wir waren definitiv einiges auf Tour vor der Veröffentlichung. Momentan haben wir sechs Wochen Pause – abgesehen von jenem Monat, das wir uns für die letzte Songwriting und die Aufnahmen im Juli gebraucht haben, ist das unsere längste Tour-Pause. Als wir Ende April bei Victory unterschrieben hatten, standen uns gerade einmal vier fertige Songs zur Verfügung, die es auch auf das Album geschafft haben. Wir spielten diese wie auch einen oder zwei Songs unserer alten EP, aber erst nach eine der Aufnahmen im Juli fühlte sich unser Live-Set meiner Meinung nach komplett an.

Wie kam es zu eurem Victory-Deal?

Wir engagierten im Januar eine PR-Firma, die uns bei der Promo einiger neuer Songs und kommender Konzerte helfen sollte. Diese Firma brachte uns ein Feature für den Album-Track „Alone“ ein, was die Victory-Crew sah und mochte. Sie kontaktierten uns und warfen mich damit regelrecht um; nicht nur, weil sie die Initiative ergriffen, sondern weil sie so unglaublich enthusiastisch sind, was Musik betrifft. Wir begannen Gespräche, trafen uns in Chicago und verstanden uns auf Anhieb. Den Deal schlossen wir Ende April ab und sind seither sehr zufrieden mit ihnen. Für uns war Victory nie eine Option. Sie waren immer dieses Label mit diesen riesigen oder legendären Bands, weswegen wir nie daran gedacht hätten, dass sie auf eine so extreme und nicht vermarktbare Band wie uns stehen würden. Dass Victory auf uns zukam und uns seither gezeigt haben, wie leidenschaftlich sie sich um das kümmern, was sie mögen, war eine gewaltige freudige Überraschung. Sie gaben uns großzügige Freiheit, um genau das zu tun, was wir wollten, und halfen uns mit allen erdenklichen Mitteln dabei, unsere Vision für diese Band in die Realität umzusetzen. Es haut mich vom Hocker, wie sehr sie uns unterstützen und wie begeistert sie verfolgen, in welche Richtung wir uns künstlerisch entwickeln. Ich könnte nicht glücklicher mit unserer Erscheinung, bei ihnen zu unterschreiben, sein.

Wie kann man sich den Songwriting-Prozess bei Seeker vorstellen? Erarbeitet ihr alles gemeinsam oder gibt es einen Hauptsongwriter?

Ich schreibe so gut wie alles. Unser Songwriting-Prozess sah in etwa so aus, dass ich 10-15 Stunden pro Tag mit einer Gitarre in meiner Schlafzimmer saß und zwischen Tourneen versuchte, das Album fertigzustellen. Ich bin wirklich schlecht darin, Arbeit und Privatleben zu trennen, und da ich selbst mein größter Kritiker bin, forderte dieses Album einen gewaltigen Tribut. Ich hatte riesige Angstattacken, mit Depressionen zu kämpfen und war während dieser Zeit ein extrem unangenehmer Umgang. Das Album fertig zu stellen und aufzunehmen, war für mich wahrhaft die lohnenswerte Erfahrung meines Lebens, überaus kathartisch.

Wofür steht der Albumtitel "Unloved"?

Textlich ist das Album extrem persönlich und behandelt intensive Depressionen, Selbst-Verletzungen, Selbsthass und Geisteskrankheiten. Im Kern geht es schlicht darum, extrem und unwiederbringlich alleine zu sein. Für mich fasst der Titel „Unloved“ das Album emotionell zusammen.

Kannst du in Bezug auf die Lyrics noch weiter in die Tiefe gehen? In wie weit steht es mit dem Artwork in Verbindung?

Ich möchte keine Spezifika auflisten, weil die Texte sehr persönlich sind. Wer mich kennt, weiß schnell, worum sich die einzelnen Songs drehen. Die Hauptthemen lassen sich wohl mit den Schlagworten extreme Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und der Realisation, dass das Leben absolut bedeutungslos ist, zusammenfassen. Das Album ist eher emotional zu sehen als es wörtlich zu nehmen ist, aber ja, ich finde, dass die Lyrics mit dem Artwork in Verbindung stehen.

Ihr habt euch dazu entschlossen, ein sehr intensives Video zum Titelsong "Unloved" zu veröffentlichen. Warum habt ihr euch speziell für diesen Song entschieden und was war die Idee hinter diesem Video?

Musikalisch und emotional fasst „Unloved“ das Album meiner Meinung nach zusammen. Es ist ein unheimlich intensiver Song und ich wollte ein Video dazu, das schmerzhaft anzusehen ist. Ich weiß nicht, wie angenehm das Album ist. Ich glaube, es soll weh tun, also wollte ich ein Video dazu, das sich so anfüllt, als würde einem Sand in die Augen geblasen werden.

Euer Sound ist einerseits knüppelhart und aggressiv, andererseits kommen dezente Sludge- und Doom-Elemente zum Vorschein, beispielsweise in "Escape". Wo siehst du euch musikalisch und welche Bands haben euch deiner Meinung nach beeinflusst?

Ich weiß nicht so recht, wo ich uns einordnen würde. Ich finde, dass wir extrem und chaotisch sind, uns jedoch jenes trostlose und monolithische Gefühl jener Doom-Bands, die uns beeinflusst haben, behalten haben. Wir schreiben einfach, was wir schreiben, ohne daran zu denken, zu welchem Genre oder welcher Szene wir passen könnten. Wir bieten unsere Kunst an und wer darauf Bock hat, kann reinhören. Wir machen das für uns. Musikalisch wurden wir besonders von Converge, The Dillinger Escape Plan, The Locust, Rotten Sound, Amenra, Neurosis, Old Man Gloom, Godspeed You! Black Emperor, Discharge, Liars, Sunn O))), Daughters, Watain und weiteren Bands – viel zu viele, um diese aufzuzählen – beeinflusst.

Wird man euch in Österreich zu Gesicht bekommen?

Wir versuchen momentan unser Bestes, im kommenden Frühjahr nach Europa zu kommen, und würden sehr gerne in Österreich spielen.

Was sind generell eure Pläne für die nächste Zeit?

Im November gehen wir auf eine kleine CD-Release-Tour, haben gerade ein paar Gigs für Dezember bestätigt bekommen, die wir bald bekannt geben werden, und dann gehen wir im Januar mit Death Before Dishonor auf Tour. Wir sind eine totale Live-Band. Dort fühlen wir uns am wohlsten, also versuchen wir so lange wie möglich unterwegs zu sein.

Was macht Seeker einzigartig?

Darüber denke ich kaum nach, aber vielleicht ist es genau das: Der Fakt, dass unsere Musik einfach dazu dient, uns auszudrücken. Unser Album und unsere Konzerte sind eine sehr echte, brutale und ehrliche Erweiterung unserer selbst.

Die letzten Worte gehören dir:

Hört euch „Unloved“ an. Wenn ihr Musik mögt, die euch glücklich macht, anheizt oder eure Partys begleitet, werdet ihr unser Album wahrscheinlich hassen. Was großartig ist. Hasst unser Album ab dem 2. November.

Danke für das Interview und alles Gute für die kommenden Gigs.

Facebook: www.facebook.com/seekertx

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