Remote Viewing – State Violence

(c) James Greenoff
Wenig Zeit für Augenzwinkern: Remote Viewing kombinieren bevorzugt kompromisslosen, zuweilen metallischen Noise Rock mit einer gewissen Portion Humor. Aktuell hat das englische Quintett jedoch wenig Grund zum Lachen, denn die Welt um sie herum geht mehr und mehr in den Allerwertesten. Ihr viertes Album wurde bewusst in zwei Abschnitten aufgenommen, um Stress zu vermeiden und bereits fertiges Material auf die Probe zu stellen, ja sogar zu verwerfen. Herausgekommen ist „State Violence“, ein Husarenritt mit zwei höchst unterschiedlichen Seiten, der mit einer globalen Shit Show ringt.
Die A-Seite gehört den rohen, rifflastigen Tracks. „#makemoneymakelovemakemoney“ entpuppt sich als ausgewachsener Nackenschlag, der kaum bösartiger und dreckiger ausfallen könnte. Ed Dudleys wutentbrannte Schreie fahren durch Mark und Bein, die Gitarren rebellieren und die Rhythmusabteilung bemüht sich um so etwas wie Struktur, bevor das schwerfällige, fast doomige Auge des Sturms alles mit ominöser Heavyness zerlegt. Ebenfalls stark ist „Retrain As A Swan“, der übellaunige Vorbote, der zunehmende Entschleunigung sucht und massive, drückende Schwere in den Mittelpunkt rückt. Ein sich windender Frontmann und gegeneinander ankämpfende Riffs untermauern die apokalyptische Stimmung.
Absolutes Kontrastprogramm setzt es auf der B-Seite mit zwei überlangen Tracks und einem instrumentalen Outro, das Darryl ausgräbt und erneut unter die Erde bringt. Deutlich reduziertes Tempo, weiterhin willkommene Urgewalt und ein Hauch mehr Sludge sowie Post Metal begleiten „HUMAN RIGHT$“, dessen drastischer Marsch in Richtung Untergang von heulenden Gitarren, teils gesungenen und teils gesprochenen Einlagen sowie zähem Chaos im Geiste von Lo! zerschossen wird. Noch länger und komplexer ist „Accidental Holiday“, das zwischendurch sogar den Hauch einer Melodie andeutet, nach seinem ellenlangen Intro aber erst einmal auf Zerstörungswut mit fast schwarzmetallischer Intensität setzt.
Es lebe die kapitale Überforderung, die Remote Viewing ab der ersten Sekunde anlancieren. Nichts hieran ist einfach, freundlich oder gar zuvorkommend – wäre in Zeiten wie diesen zumindest in Augen der Engländer auch die falsche Botschaft. Stattdessen treibt „State Violence“ den ureigenen Noise-Ansatz mehr denn je auf die bekömmlich überzogene, komplett überfordernde Spitze. Selbst die stellenweise doomige, dann mit Blackened Sludge aufwartende zweite Hälfte schafft kaum Erleichterung, sondern wettert ungeschliffen und unbarmherzig los. Die Hässlichkeit der Gegenwart verpacken Remote Viewing in ein wahnwitziges viertes Album, wohl ihr bislang stärkstes.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 18.09.2026
Erhältlich über: Human Worth
Bandcamp: remoteviewing.bandcamp.com
Instagram: www.instagram.com/remoteviewingband


Letzte Kommentare