Fjørt – belle époque

(c) Holger Kochs
Hände falten, Goschn halten – das funktioniert eigentlich schon lange nicht mehr. Wer jetzt nicht tätig wird, riskiert den großen (globalen) Kollaps. Fjørt hauen aktuell in eine ähnliche Kerbe. Um deutliche Worte war das Trio so und so nie verlegen, der Nachfolger des großartigen „nichts“ zieht nun jedoch eindrückliche geschichtliche Parallelen. Auf eine schöne Epoche, eine kulturelle Blütezeit folgten zwei Weltkriege. Eine ähnliche Situation tut sich für Bassist und Sänger David Frings aktuell wieder auf, sieht er doch im Status Quo den letzten Aufgalopp von Spaß, Freude und Konfetti vor der Katastrophe. Wenig überraschend kommt somit der Titel des neuen Albums: „belle époque“.
Der Vorbote „’43“ sorgte aus gutem Grund für Furore, tauchen Fjørt hier doch mit chirurgischer Präzision in eine der dunkelsten Zeiten der Geschichte ein, landen in Warschau im Jahr 1943. Aus der Melancholie entspringt ein drückender, wütender Track, der mit vertrauter Intensität wachrüttelt. Der Widerstand muss kommen, denn das Geschehen darf sich auf keinen Fall wiederholen. Wütende Screams und rasante Uptempo-Attacken passen ins Bild. Derlei Ecken und Kanten nach etwas ruhigerem Auftakt bringt auch „rott“ mit, steigert sich mehr und in die letzten Atemzüge hinein und eskaliert mit schäumender Katharsis inmitten post-metallischer Schwere.
Einmal mehr beeindruckt die textliche und musikalische Bandbreite. Eine Sleeper-Perle ist beispielsweise „22:30“, nach der Uhrzeit für schwere Gedankengänge benannt. Unerwartete Spoken-Word-Vocals im endlosen Bewusstseinsstrom ringen mit dem Selbstbild, mit dem Leben an sich, aber auch mit der wahrgenommenen Rücksichtslosigkeit ringsum – mächtiges Finale inklusive. Die Hoffnung bewegt sich im Opener „messer“ hingegen zielstrebig Richtung Kapitulation. Schier endlose Druckwellen servieren Fjørt in absoluter Bestform, schlagen stellenweise die Brücke zum ersten Album und nehmen jüngere Vielseitigkeit samt Fingerspitzengefühl für einen Übersong mit. Ein solcher ist auch „ær“, wenngleich es bis zu dieser Erkenntnis eine ganze Weile dauert. Dröhnende Härte und ein nahezu konstantes Plateau mit klarer Note zwischendurch wird von tiefen Gräben ummantelt.
Alles wie erhofft: Fjørt pendeln sich auf dem beeindruckenden Niveau des Vorgängers ein und zeigen sich insgesamt noch eine kleine, aber feine Spur komplexer, abwechslungsreicher, ja sogar undurchschaubarer. Die Berge und Täler ihres neuen Albums fallen gar majestätisch aus, gleichermaßen unwahrscheinlich finster und kraftvoll, aber auch voller lichter bis melancholischer Momente. Der Star auf „belle époque“ sind dennoch die Texte, noch einen Tacken drastischer und direkter, selbst wenn endlose Metaphern auf der bedingt blumigen Wiese der nahenden kapitalen Katastrophe sprießen. Eindrucksvoll und erschütternd groß auf allen Ebenen: Fjørt bleiben unerreicht.
Wertung: 9/10
Erhältlich ab: 20.02.2026
Erhältlich über: Grand Hotel van Cleef (Indigo)
Website: www.fjort.de
Facebook: www.facebook.com/fjort
Slider-Pic (c) Holger Kochs


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