Karg – Traktat

| 6. Februar 2020 | 0 Comments
Karg

(c) AOP Records

Ausnahmsweise durchbricht J.J. den Rhythmus Harakiri For The SkyKarg, wie er auch seinen persönlichen Rhythmus durchbrechen musste. Monatelange Wutprobleme und Gemütsschwankungen, mit Angstzuständen gepaart, erwiesen sich letztlich als depressive Episode. Gemeinsam mit zahlreichen Reisen, um den unkontrollierbar gewordenen, emotionalen Ausbrüchen zu entkommen, musste sich auf dem Nachfolger zu „Dornenvögel“ einiges ändern. Folglich erweist sich „Traktat“ als persönlichstes Album des Ein-Mann-Projektes, von konstanten Aufs und Abs durchzogen.

„Irgendjemand wartet immer“, so der Titel des Openers – tatsächlich zieht sich eine gewisse Unruhe durch das erste von acht Epen. Die Vocals wirken noch eine Spur roher und eindringlicher, eine gewisse Portion Schmerz schimmert deutlicher denn je durch. Je länger der Track dauert, desto komplexer und undurchschauberer wird er, wogt stetig hin und her. Die Verschnaufpause nach sechs Minuten kommt rechtzeitig, bevor der nächste Höllenritt folgt. Dieser deutet sich in „Alles was wir geben mussten“ nur an. Zwar operieren Karg stets am Anschlag, bleiben aber in beinahe erhabenen Midtempo-Gefilden. Dieses leicht entschleunigte Dauerfeuer wirkt allerdings deutlich zerstörerischer als so manche Double-Bass-Salve, gerade im Verbund mit vereinzelten Gesangsfragmenten.

Was „Traktat“ so spannend macht, ist seine Unberechenbarkeit. So entpuppt sich „Alaska“ als eine Art Opus Magnus. Zunächst platzt J.J. in media res mit überschäumender Energie und drastischem Auftreten, dann sorgen Zäsuren, etwas gemächlichere Passagen und beklemmende Melodien für bewegende Momente. Der mittlerweile etatmäßige Mix aus Post Black Metal, Shoegaze und Post Rock zündet. Falls es doch eine Spur rasanter und härter sein darf, sollte „Grabcholerik“ die erste Wahl sein – rau, intensiv und von der ersten Sekunde an in seiner schieren Vehemenz undurchdringbar.

Natürlich darf man ob der ausladenden Spielzeit geteilter Meinung sein – 76 Minuten sind verdammt heftig, gerade wenn es immer wieder an den Anschlag der rauschenden Geschwindigkeit geht – und doch sucht man Durchhänger vergebens. Das Niveau bleibt konstant hoch, hinsichtlich Intensität steht man tatsächlich über den bereits mächtigen Vorgängern und stellt sogar den Nebenschauplatz ausnahmsweise in den Schatten. Lyrisch, atmosphärisch und musikalisch erreichen Karg auf „Traktat“ neue Sphären – im besten Sinne überfordernd und gerade deswegen so packend.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 07.02.2020
Erhältlich über: AOP Records (Edel)

Facebook: www.facebook.com/kargband

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