Phantom Winter – Her Cold Materials

| 26. Oktober 2023 | 0 Comments
Phantom Winter

(c) Daniela Hütter

Die musikalische Evolution von Phantom Winter setzt sich fort, und das nach vergleichsweise langer Pause. Fünfeinhalb Jahre nach „Into Dark Science“ gibt es wieder ein neues Album – endilch, fühlt man sich zu sagen geneigt, denn der salopp ‚Winterdoom‘ genannte Sound wurde (abgesehen von einer kleinen Cover-Version zwischendurch) doch vermisst. Musikalisch setzt sich der zermürbende Höllenritt zwischen Doom, Crust, Sludge, Black Metal und Post-Präfix gekonnt fort, sogar noch eine Spur finsterer und zermürbender als zuletzt. „Her Cold Materials“ versteht sich als Coming-of-Age-Folk-Horror-Konzeptplatte, angelehnt an einen Romanzyklus von Philip Pullman.

Sechs überlange Kapitel treiben die Handlung vor sich her. Mit ominöser Stimmung und einer Kirchenglocke führt „Flamethrowers“ direkt in die Horror-Handlung ein, langsam und doomig stampfend, von zäher Beklemmung und erschütterndem Gekeife zerschossen. Die nicht minder verstörende Zäsur im Mittelteil gibt sich fast schon zu ruhig und statisch, bevor das Pulverfass schließlich und endlich explodiert. Im Vergleich dazu fällt „When I Throw Up“ kurz, bündig und nahezu harmoniebedürftig aus. Der klare Gesang kommt gut und kollidiert prima mit dem verkrusteten Doom-Marsch.

Ein weiteres Highlights ist „Dark Lanterns“, das sich der Perfektion der Laut-Leise-Dynamik annähert und mit seinen verstörenden, reduzierten Einschüben ein neues Level erreicht. Auch hier setzt es ein überdimensionales Auge des Sturms, in purer Reduktion schwelgend, bevor sogleich das nächste Glanzlicht durch Mark und Bein fährt. Wie hier beide Stimmen – eine hymnisch bis süßlich, die andere fies und verzweifelt – kollidieren, von einem schwerfälligen Marsch begleitet, lässt nicht mehr los. Hingegen schraubt „Shadow Barricade“ den Black-Metal-Anteil immer wieder nach oben, kämpft gegen die einsame Stimme bitterer Süße an und nähert sich der bedinungslosen Selbstaufgabe.

Was Phantom Winter auf ihrem neuesten Streich abziehen, verstört auf schönste Weise. Ihre brachiale und zugleich schwerfällige Kunst, die ärgsten Druck im Zeitlupentempo entfaltet, hievt das Quintett auf ein neues Level, beklemmender und kaputter denn je. Zugleich treten Momente ungefilterter Schönheit auf, die einen mehr als packenden Gegenpol setzen und mit dem Kargland gezielt gesetzter Pausen kollidieren. „Her Cold Materials“ bietet nunmehr Gewohntes mit frischem Wind der einnehmenden Fäulnis – eine Freude, die Winterdoom-Meister zurück zu wissen.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 27.10.2023
Erhältlich über: This Charming Man Records (Cargo Records)

Facebook: www.facebook.com/wintercvlt

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Category: Magazin, Reviews

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