Dissimulator – Artifice Dissolves

(c) Kristel Boucher
Science-Fiction und ruppige Metalklänge haben in Kanada gewissermaßen Tradition. Voivod verbinden interstellare Themen seit Jahrzehnten mit Thrash und Prog, vor kurzem erforschten Endspace die unendlichen Weiten in Verbindung mit Black Metal. Dissimulator platzieren sich irgendwo in der imaginären Mitte, zwischen Thrash, Death und anspruchsvollen Tech-Extremen. Das Trio aus Montreal erschließt auf seinem zweiten Album „Artifice Dissolves“ futuristische Welten und konfrontiert diese mit schier grenzenloser Aggression.
Der Vorbote „Alloyed“ macht’s im besten Sinne vor, legt nach einem kurzen Intro inklusive Mini-Basssolo mit drückender Urgewalt los. Wiederholt wechselndes Tempo, leicht verschachtelte Rhythmik, kantige Riffs und geifernde Growls legen den Grundstein für einen betont unbequemen, hochgradig explosiven Mix. Das frühe Gitarrensolo erwischt am falschen Fuß, später verdrehen wüste Blasts den Kopf, bevor sich das schwerfällige Outro Richtung Ziellinie schleppt. Derlei Überforderung beherrschen Dissimulator bestens, siehe und höre „Neon Metropolis“. Während der Auftakt noch ein wenig an ihre kanadischen Landsleute erinnert, folgen unzählige Häutungen in den nächsten knapp sechs Minuten, bis zur brutalen Komplettüberforderung ausgereizt.
Mit einem vergleichsweise klassischen Thrash-Riff legt der Titelsong „Artifice Dissolves“ los. Selbstverständlich trügt dieser erste Eindruck, denn quasi aus dem Stand entwickeln sich diese sieben Minuten zu einer klassischen, erdrückenden Tour de Force. Plötzlich nähert man sich dem technischen Anspruch von Sadus, spielt mit todesmetallischen Extremen und krönt all das mit dem nächsten furiosen Solo, quietschend und quengelig. Wahnwitziger ist nur der unwesentlich kürzere Rausschmeißer „Robostrobos“, der nach einer High-Speed-Attacke urplötzlich kollabiert, fast so etwas wie eine kleine Hook anttäuscht und aus dem Nichts erneut durchstartet. Bis zum wahnwitzigen Abgang mit abgedrehten Drum-Rolls und extralangem Fade-out.
Eine Dreiviertelstunde lang servieren Dissimulator hochgradig willkommene Komplettüberforderung, die selbst für gängige Death-Thrash-Verhältnisse komplett wahnwitzig ausfällt. Klar, der zunehmende Tech-Fokus mit einer Dosis Prog und ganz viel Sci-Fi-Worldbuilding sollte diese Entwicklung nicht übermäßig überraschend ausfallen lassen, doch legen die Kanadier an allen Ecken und Enden nochmals eine zusätzliche Portion chaotische Energie drauf. „Artifice Dissolves“ ist ein furioses, kauziges, brutales und zugleich faszinierendes Bollwerk von einem Album, das die Handbremse ausbaut, aus dem Fenster wirft und ohne Vorwarnung beschleunigt. Was für ein spektakulärer, verstörender Trip.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 02.10.2026
Erhältlich über: 20 Buck Spin (Virgin Music Group)
Facebook: www.facebook.com/dissimulatorofficial
Slider-Pic (c) Kristel Boucher


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