Long Distance Calling – The Phantom Void

(c) earMUSIC
Über die herausragende Weise von Long Distance Calling, ohne Sprache immersives Storytelling zu betreiben, muss man nach zwanzig Jahren keine große Worte mehr verlieren. Zuletzt war das Quartett aus Münster – zumindest auf Studioebene – etwas ruhiger unterwegs, das letzte Album wird bald vier Jahre alt. Nach zwei relativ kompakten, eindringlichen Konzeptwerken wollen die deutschen Nachbarn ‚diesmal einfach eine Geschichte erzählen‘, so Schlagzeuger Janosch Rathmer. „The Phantom Void“ befasst sich mit Träumen in ihren verschiedensten Formen.
Das ominöse Einzählen von „Mare“ – ein erstaunliches finsteres, etatmäßig überlanges Intro – führt direkt in media res und macht Platz für „The Spiral“. Ob diese aufwärts oder abwärts führt, liegt wohl im Auge des Betrachters. Spannende Elektronik und kantige Dissonanzen überraschend mit Industrial-Anleihen, während in den Untiefen des Bewusstseins immer neue Abgründe lauern. Aber auch zwischenzeitliche, wenngleich kurze Momente zaghafter Hoffnung, die letztlich im grandiosen Finale kanalisiert wird. In „Shattered“ tauchen ab der ersten Sekunde vorsichtig freundlichere Klänge auf, täuschen aber ein klein wenig – selbstverständlich, möchte man sagen. Die wuchtige, metallische Verschärfung mittendrin und das erhabene, dennoch nervöse Finale steuern erfolgreich dagegen.
Long Distance Calling zeigen sich über weite Strecken richtig schön heavy und nützen die Erforschung unterschiedlicher Bewusstseinssphären als Backdrop für erstaunlich schroffes, doch nie überbordendes Austoben. Wie in „Nocturnal“, dessen frontaler Auftakt sich sogar kurz angethrashten Gefilden annähert, dann aber doch zurück zu vertrauteren Klängen kehrt. Bevor die Reise von vorne losgeht und mit wütender Double-Bass-Action stellenweise sogar ein klein wenig Post Black Metal andeutet. Das kommt sehr unerwartet und richtig gut, gerade angesichts der verspielten, proggigen zweiten Hälfte. Schließlich macht „Sinister Companion“ den Deckel drauf und seinem Namen alle Ehre. Verträumte bis psychedelische Ausritte beschwören eine andere Form von Düsternis und Zwielicht, die durch Mark und Bein fährt.
Obwohl sie nicht ganz an den mächtigen Vorgänger herankommen, pendeln sich Long Distance Calling einmal mehr auf richtig gutem Niveau ein. Ihre Abhandlungen über die Abgründe von Traumwelten treffen mitten ins Herz. Ingesamt mehr Heavyness und Metal-Einflüsse wissen ebenfalls zu unterhalten. Dass ausgerechnet der Versuch, von schwerer Konzeptkunst wegzukommen, gerne mal zermürbende Düsternis mitbringt, trägt natürlich eine gewisse Ironie in sich. „The Phantom Void“ ist von vorne bis hinten eine richtig runde Sache, illustriert einmal mehr die exzellente Erzählkunst des Quartetts und reiht sich nahtlos in ihren hochklassigen Katalog ein. Long Distance Calling bleiben großartig.
Wertung: 8/10
Erhältlich ab: 10.04.2026
Erhältlich über: earMUSIC (Edel)
Facebook: www.facebook.com/longdistancecalling


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