The Hirsch Effekt – Der Brauch

| 29. Januar 2026 | 0 Comments
The Hirsch Effekt

(c) FREAKSHOT

Nach 16 Jahren The Hirsch Effekt stellte sich für Sänger und Gitarrist Nils Wittrock die Frage nach der privaten und musikalischen Zukunft. Er war Vater geworden, hatte den 40er erreicht und in einem Buch über das Bandleben während der Corona-Pandemie philosophiert, während Inflation, gestiegene Kosten und branchenweit rückgängige Publikumszahlen zum Grübeln bewegten. Also schloss er sich im Herbst 2024 mehrere Monate lang wieder und wieder alleine im Proberaum ein und schrieb das persönlichste Album seit „Holon : Anamnesis“, wobei Schlagzeuger Moritz Schmidt später noch hinzukam. Und doch ist das einsame „Der Brauch“ ein kleiner Stilbruch mit großer Wirkung geworden.

Stellvertretend dafür steht das grandiose „Das Seil“, ein Song über Eigen- und Fremdwahrnehmung, der in massiven Wellen anrollt und doch nie komplett aus sich herausgeht. Der klare Gesang und das zunehmend vertrackte Arrangement lieben ihre weiten, epischen Klangflächen, mehr Rock als Metal und durchaus kunstvoll. Für The Hirsch Effekt ist das durchaus geradlinig, nahezu soft, was aber im Grunde eine fantastische Sache ist. Konzentriertes Songwriting mit feinsinnigen Widerhäkchen und einem majestätischen Crescendo umarmt alles. Dass danach eine kleine Reprise das Leitmotiv erneut aufgreift und Querverbindungen schafft, passt ins Bild einer holistischen Platte.

Diese entlädt sich etappenweise und doppelt intensiv, wie im anmutigen „Die Brücke“. So catchy und radiofreundlich kennt man The Hirsch Effekt kaum – ein erstaunlich hymnischer Einschub inmitten Beobachtungen der eigenen Rolle im gemeinsamen Alltag. Wer sich hingegen das wahnwitzige Chaos zurückwünscht, wird unter anderem in „Der Doppelgänger“ fündig. Auf die ruhige, bedächtig vorgetragene erste Hälfte folgt ein wahnwitziger Blast-Husarenritt mit finsteren Wolken und Dampfwalze. „Der Brauch“ bringt ein paar Screams ein, die mit stetem Hinterfragen und dem daraus entstehenden Frust entschieden ringen. Und doch bleibt der melodische, anmutige Unterton stets erhalten.

Das hier ist ganz starker Tobak, bloß auf komplett andere Art. So unmittelbar und persönlich gab es The Hirsch Effekt bislang tatsächlich nur sehr selten zu hören. Auch ist Wittrocks Einsamkeit über weite Songwriting-Abschnitte, aber auch in einer Suche nach der eigenen Rolle und der Position seiner Band im Hier und Jetzt stets greifbar. „Der Brauch“ klingt so melodisch, so hymnisch und so unmittelbar wie selten, fährt metallischen Wahnsinn und brachiale Extreme deutlich zurück. Und doch ist stets klar, wer hier zu hören ist, rückt die unverkennbare DNA von The Hirsch Effekt in den Mittelpunkt. Packendes, angenehm unerwartetes Songwriting, große Fragen und kleine kunstvolle Momente säumen ein unerwartetes wie ansprechendes Album, das die Einzigartigkeit dieses Trios mehr denn je unterstreicht.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 30.01.2026
Erhältlich über: Long Branch Records (SPV)

Website: thehirscheffekt.de
Facebook: www.facebook.com/thehirscheffekt

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Category: Magazin, Reviews

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