Interview mit Andre Moraweck von Maroon

| 8. April 2009 | 0 Comments

Maroon

Düster geht die Welt zugrunde. Bei Maroon musste eine Veränderung her, nachdem man längst an der europäischen Spitze im Melodic-Death- / Hardcore-Feld angekommen war. Privates Glück ist gleichbedeutend mit deutlich dunklerem Material, das Markus Stock (The Vision Bleak) auf „Order“ optimal in Szene gesetzt hat. Sänger Andre Moraweck erklärt, was den nun zuerst da war – der Produzent oder der Sound?

2008 gab es für Maroon eine selbstverordnete Tour-Pause. Warum war diese notwendig?

Wir sind sehr oft unterwegs und treffen bei unseren Konzerten – Metal und Hardcore ist eigentlich eine kleine Szene – immer auf dieselben Leute. Deswegen ist es auch schwer interessant zu bleiben. Also haben wir uns eine kleine Auszeit bekommen, damit die Leute wieder Hunger auf Maroon bekommen, speziell mit unserem neuen Album. Wenn man uns mehrmals im Jahr sieht, hat man einfach keinen Bock mehr auf uns, das haben wir inzwischen bemerkt. Aber nicht nur die Leute haben Pause gebraucht, auch wir privat für uns und von der Band. Wir haben ja nicht nicht gespielt, es gab einzelne Auftritte speziell im Ausland, aber eben nur in geringer Zahl.

Ihr habt während dieser Pause auch an Material für "Order" gearbeitet, aber sicherlich nicht ausschließlich. Wie habt ihr die Zeit vor allem privat genützt?

Mein Bruder Tom hat zwei Kinder, unser kurzhaariger Gitarrist Sebastian hat einen Sohn, ich habe eine neun Monate alte Tochter. In dieser Pause bin ich Vater geworden. Auch die anderen haben Freundinnen und haben die Auszeit genossen. Das Vaterwerden war natürlich sehr aufregend und ich bin froh, dass ich so viel Zeit mit meiner Familie verbringen konnte. Natürlich ist mir da die Band entgegen gekommen, damit ich den Kopf einigermaßen frei hatte. Maroon ruht natürlich nie, ich arbeite eigentlich jeden Tag für die Band. Dennoch war zumindest ein bisschen Zeit für Urlaub und Nebenprojekte – unser langhaariger Gitarrist Sebastian hat eines.

Ab wann wurde tatsächlich an neuem Material gearbeitet?

Eigentlich hat es nie aufgehört. Wir haben uns drei, vier Wochen nicht gesehen. Dann wurde ein wenig gejamt und über eine neue Platte gesprochen. Muss die schon erscheinen? Haben wir Ideen dafür? Danach ging es eigentlich recht schnell, weil wir richtig heiß waren auf die Platte. Wir wollten auch etwas verändern, und das musste sofort geschehen.

Du sprichst bereits die Veränderungen an. Das neue Material ist wesentlich düsterer ausgefallen, geht etappenweise sogar in Richtung Black Metal. Woher kommt dieser Einschlag?

Du hast recht, wir sehen das genau so. „Order“ ist definitiv unsere düsterste Platte. Woher das kommt, weiß ich nicht genau, gerade weil es uns privat sehr gut geht. Offensichtlich gibt es aber – gerade wenn es privat keine Probleme gibt – in jedem Menschen eine andere, finstere Seite, die in irgendeiner Form raus muss. Vielleicht hatten wir durch unsere gute Situation einfach Lust auf etwas Dunkles, es ist einfach passiert. Dazu haben wir mit Markus Stock gearbeitet, der vor allem für seine Arbeit mit düsteren Bands bekannt ist. Es hat wohl alles zusammengepasst.

Markus Stock hat zweifelsohne die düstere Atmosphäre optimal eingefangen. Habt ihr ihn speziell aufgrund des düsteren Materials als Produzenten ausgewählt, oder hat er euch im Studio noch ein wenig verdunkelt?

Sowohl als auch. Bei der Vorproduktion und beim Songwriting haben wir bereits gemerkt, wie düster das Material ist. Ich bin dann auf Markus gekommen, denn er ist für mich in seinem Bereich einer der besten. Die Jungs fanden den Vorschlag gut. Im Studio kam dann alles zusammen. Markus war sofort mit uns auf einer Wellenlänge und hat erkannt, wohin die Platte geht. Seine Ideen waren richtig gut und sind zu einem gewissen Teil auch in die Musik reingeflossen. Das ist für uns ungewöhnlich, weil wir normalerweise mit einer fertigen Platte ins Studio gehen und daran nicht viel verändern lassen. Daher war die Zusammenarbeit mit Markus für uns eine neue Erfahrung. Jederzeit wieder gerne.

Gerade "Bleak" klingt in punkto Titel, Atmosphäre und Spoken-Word-Part nach Markus. Ist das einer dieser Songs, an dem er stark beteiligt war?

Kann man schon sagen. Besonders in punkto Gesang war es mir wichtig seine Unterstützung zu erfahren. Gerade bei „Bleak“ war das wichtig, weil die Vocals weit weg vom typischen Metal- und Hardcore-Geschrei gehen. Markus hat in diesem Bereich mehr Erfahrung und weiß, wie der Gesang zu klingen hatte. Er hat sofort gespürt, was ich mit diesem Song aussagen wollte. Wir haben lange daran gebastelt und ihm ist immer wieder eine Schattierung eingefallen, bis das Ergebnis wirklich perfekt war. Dafür ein Dankeschön an dieser Stelle.

Gemeinsam mit dem Sound hat sich auch die Produktion hörbar verändert und benötigt mehrere Durchläufe. Passt diese schroffe, beinahe unterproduzierte Herangehensweise auch zum neuen Maroon-Gefühl?

Auf jeden Fall, das ist der Sinn hinter jedem Wechsel. Wir wollen und werden keine Platte zweimal schreiben. Es soll nie ein Einheitsbrei geben. Für „Order“ brauchten wir einen erdigen, trockenen Sound für erdige, trockene Stücke. Dafür haben wir im Studio auch mit analoger Technik gearbeitet. Nichtsdestotrotz haben wir die Platte in Schweden im Studio Fredman mischen lassen, wo auch die großen Produktionen von In Flames und Dimmu Borgir entstanden sind. Er hat die Platte auf internationalen Standard poliert, ohne die dunklen Markenzeichen zu zerstören. Deswegen wirkt die Produktion alles andere als künstlich und aufgeblasen.

Wofür steht der Titel "Order"?

Wie man bereits am Cover sehen kann, geht es darum, dass in unserer Gesellschaft viele Menschen gar nicht mehr ohne Befehle auskommen können. Sei es religiös, vom Staat, vom Boss in der Firma oder von der Frau Zuhause – viele Leute denken nicht mehr selbst. Wir wollten mit dieser Platte aussagen, dass man wieder denken muss. Auf dem Cover sieht man diese Frauen, die fanatisch nach oben schauen und auf Befehle warten. Natürlich kann man das vielseitig interpretieren, wir wollen auch jedem die Möglichkeit für seine eigene Wahrheit geben. „Children Of The Next Level“ dreht sich zum Beispiel um eine amerikanische Sekte, die ihre Mitglieder dazu auffordert ihr ganzes Leben für sie zu opfern. Das fand ich extrem krass und musste es verarbeiten.

"Stay Brutal" wurde als erster Song auf Myspace veröffentlicht und wird momentan mit einem Video ausgestattet. Warum gerade dieser Song und was kannst du mir über dessen Hintergrund verraten?

Der Song zeigt einen guten Durchschnitt der Platte, ohne alles darüber zu verraten. Wir haben nicht den allerbesten Track ausgesucht, weil wir auch nicht wissen, welcher das ist. Der Song ist livetauglich, ist an gewissen Stellen tanzbar. Auf den Song konnten sich Plattenfirma, Management und wir einigen. Es geht auch darum, man selbst zu sein, dass man nur gemeinsam etwas bewegen kann und dass man nie alleine ist, egal wie man ist und wie man aussieht.

Ich finde es bemerkenswert, dass ihr das komplette Album bereits zwei Wochen vor Release komplett auf Myspace streamen lässt. Besteht da nicht die Gefahr, dass irgendein fertiger Geist das Ding downloadfertig kriegt?

Natürlich, aber damit muss man heutzutage rechnen. Man muss das Medium Internet einfach entsprechend nützen und den Downloadern damit den Saft abdrehen. Wir bieten ein gutes Produkt in verschiedenen Formen. „Order“ wird es als CD, als limitierte Auflage mit Digipack, als LP mit CD und als legaler Download geben. Es lohnt sich also diese Platte zu kaufen. Wir wollten den Leuten das komplette Ding vorstellen, weil wir einfach stolz darauf sind. Dazu gibt es eben noch ein fertiges Cover und Artwork wie auch Bonussongs, die nicht auf Myspace zu hören sind. Dafür lohnt es sich das Album zu kaufen. Die Resonanz stimmt, unser Myspace-Account explodiert förmlich. Wir haben wohl alles richtig gemacht.

Auffällig ist natürlich "Schatten". Hat es Überwindung gekostet den deutschsprachigen Song anzugehen?

Gar nicht, im Gegenteil. Ich war sehr motiviert etwas in diese Richtung zu machen. Fast wäre es nicht dazu gekommen, weil ich einfach Angst hatte, ob ich mit Text, Aussprache und Intonation zurechtkommen würde. Ich hatte das Gedicht fürs Studio bereits auf Englisch übersetzt, aber das war furchtbar (lacht). Man kann ein altes Gedicht einfach nicht übersetzen. Markus war erschüttert, dass ich überhaupt diesen Versuch einer Übersetzung gewagt habe. Gerade in punkto Gesang hat er sehr viel eingebracht. In einer Art nächtlichen Seance haben wir das Ding eingespielt. Der Song wird für mich immer sehr besonders sein, weil ich mich genau erinnern kann, in welcher Situation und mit welchem Hintergrund er aufgenommen wurde.

Inhaltlicher Hintergrund ist ein 150 Jahre altes Gedicht aus den "Kindertotenliedern" von Friedrich Rückert. Wie bist du darauf gestoßen und warum gerade dieses eine von 400 Gedichten aus dieser Sammlung?

Ich bin vor ein paar Jahren auf diesen Gedichtband gestoßen und fand es eine der brutalsten und erschütternsten Gedichtsammlungen überhaupt. Wir mussten diesem Werk von Herrn Rückert Tribut zollen. Weil es mich so berührt hat, musste ich es unbedingt verarbeiten. Gerade als Vater hat es mich besonders bewegt, wie Rückert für seine beiden verstorbenen Kinder mehr als 400 Gedichte geschrieben hat. Das ist der absolute Wahnsinn. Ich bin schnell auf diesen Vers gestoßen und bin froh, dass ich es durchgezogen habe, weil es doch komplett anders für uns und für unsere Fans ist. So haben wir etwas ganz Anders und ich bin wirklich stolz auf das Ergebnis.

Im Vorfeld der Veröffentlichung von "Order" habt ihr bereits einige Konzerte gespielt, unter anderem auch in Österreich. Was hast du von diesen Auftritten mitgenommen?

Wie die Leute jetzt schon auf das neue Material abfahren und es fordern, ist der absolute Wahnsinn. Es war auch richtig schwer abzuwägen zwischen neuem Material und alten Hits, weswegen es bei einem neuen Song geblieben ist. Die Resonanz darauf war aber wahnsinnig gut. Offensichtlich haben wir alles richtig gemacht.

Laut einer Rezension zu eurem Auftritt am Spring Metal Festival hast du gegen die Veranstaltung einer Wall of Death protestiert. Warum lehnst du diese ab?

Ich habe gar nicht dagegen protestiert, ich mag nur dieses Vorführen nicht. Ich lasse nicht Innehalten, teile das Publikum auf und liefere dann eine Wall of Death mit Ansage. In unseren Songs gibt es die Möglichkeit dazu. Dann heißt es von mir: „Jetzt habt ihr ein paar Sekunden Zeit für eine Wall of Death. Macht sie, aber ihr müsst schnell sein.“. Ich finde dieses geplante Zeug einfach nur peinlich. Wenn es passiert, bin ich dafür. Ich mag alles, bei dem die Leute frei mitmachen. Vielleicht kam es so rüber, dass wir gegen eine Wall of Death sind, aber wir wollen kein Prozedere daraus machen, dass es stundenlang dauert, bis so ein Ding steht. Das ist uninteressant.

Einige Gigs stehen rund um die Festivaltour an. Wann wird man euch wieder hierzulande sehen?

Wir machen im Herbst auf jeden Fall eine Tour zur neuen Platte. Ich hoffe, dass wir da auch nach Österreich und in die Schweiz kommen, weil das wichtiger Länder sind und wir dort einige unserer treuesten Fans haben. Momentan kann ich noch kein Datum sagen – einfach regelmäßig auf unsere Myspace-Seite gucken, ob sich was tut. Dann Spaß haben und gerne auch eine Wall of Death machen (lacht).

Abschließend bitte ich dich noch um ein paar letzte Worte an unsere Leser und eure österreichischen Fans.

Vielen Dank für die Unterstützung in den letzten elf Jahren. Wir haben gerade am Anfang viele Konzerte in Österreich gemacht und sind dort immer unterstützt worden, lassen uns immer wieder gerne einladen. Wir haben alleine in der Arena Wien bereits sechsmal gespielt, das ist eine unserer Homebases in Europa. Jetzt fleißig unsere neue Platte kaufen in allen möglichen Formen. Unsere Freunde The Sorrow haben es in die österreichischen Charts geschafft. Wenn wir das als deutsche Band schaffen und sogar noch vor ihnen landen würden, wäre das schon genial (lacht). Dafür brauchen wir aber jede Unterstützung.

Im Lichte dieses Battle of the Bands bedanke ich mich für deine Zeit und wünsche dir und deinen Jungs alles Gute mit eurem neuen Album.

Website: www.maroonhate.com
Facebook: www.facebook.com/pages/maroon/55715582584

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Category: Interviews, Magazin

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