Wildernesses – Growth

(c) Joey Atchison
Ein mittlerweile ausgestiegener Gitarrist, als ‚unsichtbares fünftes Mitglied‘ bezeichnet, lieferte den Stein des Anstoßes für Wildernesses aus London, die nach und nach zusammenfanden. Die vier Musiker spielten in verschiedenen Bands und erzeugen gemeinsam neue, etwas andere Magie. Angeführt werden sie von Sänger Phillip Morris, der mit Late Night Fiction ein paar Singles veröffentlichte, bevor er sich der Pflege seiner schwer erkrankten Mutter widmete. Begleitet von seinen Erfahrungen als Mental-Health-Experte für das staatliche Gesundheitssystem NHS sowie verschiedenen Funden aus der Vergangenheit seiner Familie entstanden die Eckpfeiler für das magische erste Album „Growth“.
„Four Hour Drive“ wurde beispielsweise von einem Foto aus dem Jahr 1957 inspiriert, das Morris‘ Großvater und Vater zeigte, und zu Gedanken über Abstammung, Herkunft und die damit verbundene Verantwortung führte. Der vergleichsweise frontale, kantige Track erhöht die eigene Distortion massiv, lässt imaginäre Muskeln spielen und umreißt zugleich den stets emotional aufgeladenen eigenen Sound. Post Rock, Shoegaze, Alternative und etwas Indie finden zusammen, dazu kommt der kraftvolle und bewegende Gesang, der gegen das Dickicht ankämpft und in eng verwobenen Erinnerungen nach der eigenen Identität sucht, Generationen überdauerndes Trauma überwinden möchte. Dreieinhalb Minuten am Limit der Katharsis operierend, danach fragil und intim auf instrumentalen Schwingen der Finalität entgegengleiten – ein echtes Kunstwerk.
Und davon gibt es auf diesem Einstand mehrere zu hören. Wie „English Darkness“, deutlich schleppender und melancholischer angelegt. Hier können alle strahlen – ob die anmutige, energische Rhythmusabteilung, die den stillen Motor gibt, oder die mächtige Gitarre, die erst vorsichtig singt, erst spät im noisigen Chaos eskaliert. Und natürlich die erneut aufwühlenden Vocals – gewisse Vergleiche mit The Twilight Sad, Whirr und Explosions in The Sky drängen sich auf. Das grandiose Finale „Summertime, 1917“ – von bei einer Renovierung entdeckten Liebesbriefen inspiriert – reitet durchgehend auf einer Welle magischer Sehnsucht, gepaart mit zarter Euphorie. Als würden Elbow kantigen Post Rock zocken. Doch auch das rein instrumentale „Sleepless“ funktioniert wunderbar, orientiert sich an vergleichsweise klassischen Genre-Ideen.
Welch anmutige, gefühlvolle, berauschende und zermürbende Platte dieser Einstand doch geworden ist! Wildernesses verstehen es wie nur wenige andere, Post Rock mit einer gewissen Frische zu versehen, die doch letztlich der ehrlichen, aufrichtigen und emotionalen Magie des Storytellings untergeordnet ist. Denn die sehr speziellen, ungewöhnlichen und bewegenden musikalischen Erkundungstouren mit verschiedensten Einflüssen leben einerseits von einer großartigen Stimme und andererseits von diesen mitreißenden Geschichten. Erstaunliche Intimität, selbst inmitten lautmalerischer und schroffer Momente, unterstreichen die Einzigartigkeit von „Growth“, die sich trotz verschiedener vertrauter Anleihen eine faszinierende Nische schafft. Schon jetzt eines der besten (Debüt-)Alben des Jahres.
Wertung: 9/10
Erhältlich ab: 27.03.2026
Erhältlich über: Floodlit Recordings
Bandcamp: wildernessesband.bandcamp.com
Facebook: www.facebook.com/p/Wildernesses-Band-61571495411914
Slider-Pic (c) Joey Atchison


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