Neurosis – An Undying Love For A Burning World

(c) Bobby Cochran
Bald zehn Jahre ist es her, das letzte musikalische Lebenszeichen von Neurosis. Schlagzeilen gab es im August 2022, als Scott Kelly seinen Ausstieg und Rückzug als Musiker bekanntgab, begründet durch jahrelangen verbalen, physischen, emotionalen und finanziellen Missbrauch seiner Frau und Kinder. Der Rauswurf bei Neurosis erfolgte bereits drei Jahre zuvor, wurde aus Rücksicht auf Kellys Familie jedoch nicht kommuniziert. Und nun das: ein neues Album, ein Surprise Drop, ohne Vorankündigung, dafür mit absoluter Szeneprominenz als Neuzugang. Aaron Turner (Sumac, ehem. Isis) mischt an vorderster Front mit. Ob „An Undying Love For A Burning World“ die unfassbar hohen Erwartungen erfüllen kann?
Was der Band besonders wichtig ist: Das hier ist keine Reunion, denn Neurosis hatten sich nie aufgelöst. Geboren wurde dieses neue Album aus dem Verlangen, wieder Musik zu machen. Man braucht die Band, man braucht die Musik, man konnte nicht einfach hinschmeißen. Wenig überraschend steckt viel Kampf in dieser Platte, aber auch ein durchaus vertrautes Spiel mit den Gezeiten, mit Laut-Leise-Dynamik, mit emotionalem Tiefgang. „First Red Rays“ zählt zu den unbestrittenen Highlights. Vertraute bleierne Schwere, donnernde Wucht und infernale Vocals fackeln ein gemächliches Post-Sludge-Feuerwerk ab. Kaum nimmt der Track halbwegs Fahrt auf, kollabiert er regelrecht und überrascht mit nahezu melodischer Fragilität, einer singenden Gitarre und fast intimen Klängen. Nach erneutem Aufbäumen verbreitet die Schlussminute pure Magie mit himmlischem Klargesang – ein Silberstreif, während der Horizont zusammenbricht.
Großartiges gibt es von der ersten bis zur letzten Sekunde. Wie in „Seething And Scattered“ mit seinem Doom-Schlamm und den konkurrienden Screams, die sich gegenseitig überlagern, die Fäuste schwingen und schließlich einmal mehr zu kompletter Reduktion im Auge des Sturm führen. „Mirror Deep“ explodiert nach dem Intro geradezu aus den Boxen und kommt zunächst hart, brutal rüber. So frontal und drückend sind Neurosis eher selten unterwegs, doch begeistert diese furiose, donnernde Entladung erst recht. Der 17 Minuten lange Abschluss „Last Light“ stellt all das jedoch in den Schatten. Das Epos über Tod, Trauer und Vergänglichkeit mit seinem hektischen Herzschlag überrascht mit zwischenzeitlicher Hoffnung, mit hymnischen Momenten und einem geradezu majestätischen Abgang.
Regelrecht rührend und emotional geht dieses Album-Comeback zu Ende – Qualitäten, die man mit Neurosis nur bedingt assoziieren würde, die hier jedoch eine wahre Tour de Force mehr als gebührend abrunden. Über eine Stunde Musik nach fast einem Jahrzehnt Studio-Stille bedeutet eine ganze Menge Holz. Und doch ist das Ergebnis über jeden noch so kleinen Zweifel erhaben. „An Undying Love For A Burning World“ bringt alles mit, was man sich von dieser wegweisenden Post-Metal- und Sludge-Band erhoffen konnte, und noch so viel mehr. Aaron Turner ist der perfekte Neuzugang, stammt aus einem ähnlichen Umfeld und sorgt für frischen Wind, ohne auch nur irgendetwas umzuwerfen. Stattdessen erschaffen Neurosis ein wahres Bollwerk, erdrückend und zugleich erstaunlich vitalisierend, aufwühlend, überlebensgroß – eine der hässlichsten und zugleich bewegendsten Schönheiten seit langem.
Wertung: 9/10
Erhältlich ab: 20.03.2026
Erhältlich über: Neurot Recordings
Website: www.neurosis.com
Facebook: www.facebook.com/officialneurosis


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