TWINS – it’s_complicated

| 18. November 2025 | 0 Comments
TWINS

(c) Anna Wyszomierska

„How Soon Is Now?“, fragten The Smiths vor über 40 Jahren. Ganz so lang dauerte es bei TWINS zwar nicht, und doch erschien ihr erstes und bis jetzt einziges Album „soon“ bereits im Februar 2020. Dass seither viel passiert ist – geschenkt, und doch lohnte es sich, auf die vier Herren aus Dresden zu warten. Die machen nämlich deutlich, dass der Begriff ‚Longplayer‘ für sie immer noch Bedeutung hat und nahmen ein Album ohne wirkliche Grenzen auf, das eigentlich ein kompletter, ganzer Song ist, bloß in acht Kapitel unterteilt. Wie das funktioniert? „it’s_complicated“ – no na ned.

Hier einzelne Kapitel herauszugreifen, ist natürlich mit einem gewissen Risiko behaftet, das allerdings Methode hat. Aus gemächlichem Brodeln erhebt sich erst spät die schiere Wucht von „Goodbye“, furiose Stakkato-Attacken inklusive. TWINS entladen ihre gesammelte Screamo- und Post-Hardcore-Wucht, schlagen mit wachsender Begeisterung um sich und rasten am Stand aus. Bevor sie im Math-Chaos versinken, werden kurze und melodische Parts einflochten, dann häutet sich der Song erneut. Auch „Cuts“ besitzt mehr als genug selbige, erinnert zwischendurch sogar an die Indie-Vergangenheit einiger Mitglieder, doch halten die hymnischen Ausritte nie zu lange an.

Das etatmäßige, x-malige Häuten gehört bei den deutschen Nachbarn quasi dazu, und „Follow“ lebt das mit wachsender Begeisterung vor. Sympathische Explosivität, heiserer Silbenreichtum und wiederholte kurze Eruptionen tauchen tatsächlich wieder und wieder kopfüber in Mathcore-Untiefen ab. Dann wird es idyllisch und beklemmend, später harmonisch und geradezu eingängig. Und immer ein wenig schräg, denn die schönen Dinge des Lebens sind offensichtlich nicht gekommen, um zu bleiben. Da verwandeln sich Klaviere schon mal in Kauleisten. Was das abschließende „Promise“ verspricht, ist nicht eindeutig, doch geht das abermalige, hier auf sechs Minuten ausgedehnte Wechselbad der Gefühle unter die Haut. Es kocht in den Musikern, Wut und Frust dringen wieder und wieder an die Oberfläche.

Wiewohl diese Songs durchaus für sich stehen, funktioniert das Wechselbad der Gefühle tatsächlich in einem Guss am besten. Und diese 31 Minuten haben es tatsächlich in sich, denn die schiere Explosivität dieser Platte, das stete Hin und Her, die bekömmliche und doch störrische Unvorhersehbarkeit – all das macht den Zweitling von TWINS zur erlebenswerten Herausforderung der besonderen Art, gewaltig in so ziemlich jeder vorstellbaren Hinsicht und zugleich komplett überfordernd. Es braucht gute Nerven, ein wenig Balance, tiefes Durchatmen, bevor man sich dieser Platte erneut stellt. „it’s_complicated“ macht seinem Namen alle Ehre – komplett kaputt, und doch hat man liebend gerne darauf gewartet.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 21.11.2025
Erhältlich über: Through Love Records

Facebook: www.facebook.com/TWNSband

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Category: Magazin, Reviews

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