Karnivool – In Verses

| 6. Februar 2026 | 0 Comments
Karnivool

(c) Courtney McAllister

Fans von Karnivool wissen, dass Geduld eine Tugend ist. Und doch strapazierten die Australier das Nervenkostüm dieses Mal etwas sehr. „Asymmetry“, ihr drittes und bis jetzt letztes Album, war im Sommer 2013 erschienen. Dazwischen lagen diverse Tourneen, lange Songwriting-Phasen, etwas Zeit aus dem Rampenlicht, der von der Pandemie ausgebremste Versuch eines Live-Comebacks und ein einzelner Song. Und doch klingt das Quintett, als wären keine fünf Minuten seit ihrer letzten Platte vergangen, geschweige denn zwölfeinhalb Jahre. „In Verses“ verbindet frischen Wind mit hochgradig vertrauten Klängen.

Besagter zwischenzeitlicher Song war „All It Takes“, der hier in einer remasterten Version vorliegt, mitten im Album platziert. Von der ersten Sekunde an demonstrieren Karnivool ihre Klasse auf ganzer Linie und pendeln zwischen proggigen Rock- und Metal-Extremen – mal feinsinniger Art-Rock, dann wieder Djent-Wände, zwischendurch sogar ein kurzer Dampfhammer. Auch die bestens bekannten Tool-Vibes werden wohldosiert eingesetzt, vor allem in den ruhigen Momenten rund um die Drei-Minuten-Marke. Hier stimmt wirklich alles, wie auch im getriebenen „Aozora“. Geschicktes Spiel mit Laut-Leise-Dynamik, mit zurückgenommener Ebbe und kathartischer Flut geht auf, der mächtige Chorus ruft sämtliche hymnischen Qualitäten ab.

Und das ist nur der Gipfel des kunstvollen Prog-Eisbergs. „Remote Self Control“ scheint sich wieder und wieder aufzubäumen, hält aber ebenso viel von wertiger Gemütlichkeit. Die Australier lassen den Song kommen, verbinden warme Texturen mit mehreren kurzen Peaks, bis zum urplötzlichen Ende. Das kraftvolle „Ghost“ bringt einen gewissen Crunch mit, lässt die Gitarren gerne mal verbissen zulangen. Hier zeigt Ian Kenny zudem sein komplettes Gesangstalent, vor allem der spielerische Wechsel in höhere Gefilde mitten im Song, die selbigen in Richtung Siedepunkt treibt. Ein kurzer Djent-Einschub führt in das hymnische Finale. Am anderen Ende des Albums, um beim Finale zu bleiben, setzt „Salva“ auf Reduktion. Diese Quasi-Prog-Ballade bringt viel Kraft mit, klingt nie cheesy und macht mit dem Finale samt Dudelsack und Keys ordentlich Laune.

Gut Ding mag Weile haben, doch darf fantastisch Ding auch schon mal eine halbe Ewigkeit brauchen. Karnivool tauchen aus der vermeintlichen Versenkung in absoluter, bestechender Bestform auf und spielen ihre ganze Klasse mit betonter Lässigkeit aus. Diese Stunde verfliegt förmlich, weil „In Verses“ trotz der Klasse der einzelnen Tracks stets wie aus einem Guss wirkt. Wechselnde Stimmungen, dichte Atmosphäre, ganz viel Gefühl, hoher technischer Anspruch und doch dieses Händchen für absolute Songdienlichkeit lassen das vierte Werk der Australier zum erneuten Highlight reifen. Schon jetzt eines der absoluten Überalben des Jahres.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 06.02.2026
Erhältlich über: InsideOutMusic (Sony Music)

Website: www.karnivool.com
Facebook: www.facebook.com/karnivool

Slider-Pic (c) Courtney McAllister

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Category: Magazin, Reviews

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