PISS – you made me / skin on linen

| 30. Oktober 2026 | 0 Comments
PISS

(c) Grace Gignon

Eines der wichtigsten, intensivsten Alben des Jahres kommt aus dem kanadischen Vancouver. Erst 2024 gaben PISS ihr Live-Debüt und wurden mit ihrem emotional aufgeladenen, intensiven Bühnengebahren sofort zu einer Band to watch – siehe und höre ihre KEXP-Live-Session. Nun bannt das Quartett seinen Mix aus Noise Rock, Hardcore, Punk und zig anderen Spielarten auf Platte: „you made me / skin on linen“ ist musikalisch wie textlich eine spektakuläre, überwältigende Erfahrung.

Die Erfahrungen einer von struktureller, systematischer und intimer Gewalt geprägten Kindheit tragen ein Album voller Songfragmente, Noise-Giganten, Collagen, Gedichte und Performance-Kunst. Gewalt wird als allgegenwärtiges Element der Gegenwart, der Gesellschaft und des kulturellen Seins dargestellt, und keinem Track gelingt das auf so verstörende Art und Weise wie „blocking a scene you can’t remember“. Der hektische, krampfhafte Versuch, die Worte für eine Auseinandersetzung einzustudieren, wird von konstanten Einschnitten und omnipräsentem Trauma unterbrochen, bis der Slowcore-Track schließlich in noisiges Chaos und rasende Eskalation aufgeht und zurück zu den Wurzeln des eigenen Schmerzes findet. Das wiederholte, zunehmend verzweifelte ‚cut. again.‘ geht nicht mehr aus dem Kopf.

Viel leichtfüßiger wird es rundherum nicht, auch wenn das Garage-Rock-Riff im Hardcore-Punk-Drive von „time loop at hot slit“ fast schon zugänglich anmutet. Dass hinter Dance-Punk-Anleihen die zunehmende Sexualisierung des Mädchenseins thematisiert wird, trifft als weiterer Nackenschlag, während sich der Song im Finale zerlegt. Drückende, schroffe Atemlosigkeit Marke „how can you act opposite to this emotion?“ drängt Noise Punk und Hardcore in metallische Gefilde, fast Math und doch so erschütternd, während die Ebbe und Flut von „i wanted to be a singer“ zwischen Sludge und Dissonanz laut und deutlich macht, dass hier die gelebte Erfahrung im Mittelpunkt steht, bis zum experimentellen Finale „i keep trying to change the ending“, das sich doch immer wieder im Kreis dreht.

Die wohl wichtigste halbe Stunde des Jahres (mindestens!) kommt aus British Columbia. Und zwar von einer Band, die konstant den Atem raubt, sämtliche Sinne gleichzeitg attackiert, damit komplett überfordert und mit einer schonungslosen Kombination aus zermürbender, schroffer Musik, erschütternden Texten und konsequentem Bruch mit musikalischer Formensprache die vielleicht unmittelbarste Form von Kunst und Traumaarbeit schafft. „you made me / skin on linen“ muss schmerzen, muss Unwohlsein schaffen, muss vollends verstören und verfehlt seine Wirkung nicht – ein imposantes Happening, das noch lange nachhallen wird.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 30.10.2026
Erhältlich über: Sub Pop Records (Cargo Records)

Bandcamp: pisstheband.bandcamp.com
Instagram: www.instagram.com/piss_theband

Slider-Pic (c) Grace Gignon

Tags: , , , , , , ,

Category: Magazin, Reviews

Leave a Reply