Brutus – Live In Ghent

| 19. Oktober 2020 | 0 Comments
Brutus

(c) GeertBraekers_Handelsbeurs

Live-Musik fehlt aktuell gewaltig. Konzerte in einem halbwegs regulären Rahmen bleiben weiterhin undenkbar, Alternativen zwischen Drive-in und Stream eine okaye Kuriosität und sicherlich besser als nichts. Deswegen tut es aktuell doppelt und dreifach gut, echte Live-Dokumente in den Händen zu halten. Das dachte sich auch das belgische Trio Brutus, das nun einen Mitschnitt aus ihrer Heimatstadt serviert. „Live In Ghent“ wurde im Mai 2019, nur wenige Wochen nach dem Release des zweiten Albums „Nest“, aufgezeichnet und zelebriert die besondere Konzertatmosphäre der Belgier.

Brutus sind alle schon personell anders, denn Dreh- und Angelpunkt ist die singende und gelegentlich brüllende Schlagzeugerin Stefanie Mannaerts, die selbst komplexeste Tracks auf sämtlichen Ebenen spielerisch meistert. Ein Track wie „All Along“ geht natürlich ans Limit und packt alles, was die Belgier ausmacht, in unter drei Minuten. Weite, epische Klangflächen mit Post-Rock- und Shoegaze-Gefühl, frontale Attacken mit punkiger Hardcore-Schlagseite und brachiale, metallische Vollgassalven treffen auf fordernden, angenehm beißenden und doch wohligen Gesang – ein Spagat, der sich wie ein roter Faden durch das Brutus’sche Schaffen und dieses Live-Album zieht. „Drive“ entwickelt sich, wie schon in seiner Studioversion, zu einem echten Favoriten. Ausladende Klangflächen, plötzliche Tempoverschärfungen und stoische Riffs zucken wild, wiegen in Sicherheit und gegen an die Reserve.

13 Tracks, allesamt von den ersten beiden Alben des Trios stammend, laufen fast nahtlos ineinander. Ansagen gibt es kaum, das Publikum verharrt häufig in Andacht. Das fällt vor allem im bewegenden Post-Rock-Meisterwerk „Space“ auf, dessen knisternde Atmosphäre wohlige Schauer über den Rücken jagt. Das ellenlange, epische „Sugar Dragon“ breitet seine Schwingen hingegen über martialische acht Minuten aus, überschreitet post-metallische Grenzen und ist nur ein paar Orchester-Töne von einer chaotischen Symphonie entfernt. Dass im direkten Anschluss das kurze, knackige „Baby Seal“ die Setlist mit peitschenden Frontalattacken und weit offenen Melodiebögen beschließt, passt wunderbar ins Bild.

Eigentlich bräuchte man dieses Album gar nicht so genau sezieren, denn die dichte, bewegende und zugleich gekonnt zerstörerische Atmosphäre reicht bereits, um bedenkenlos zuzugreifen. Eine hochgradig abwechslungsreiche, packende und gekonnt zusammengestellte Setlist später ist schließlich auch der letzte Widerstand gebrochen. „Live In Ghent“ nähert sich dem perfekten Live-Dokument an, fängt eine noch junge Band in bestechender Form ein, bewegt auf jeder intensiven Ebene, lässt das Haupthaar schütteln und in der Schönheit des Momentes schwelgen. Spätestens jetzt, nach diesem Meisterwerk, sollte man Brutus auf der Rechnung haben.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 23.10.2020
Erhältlich über: Hassle Records (Membran)

Website: www.wearebrutus.com
Facebook: www.facebook.com/wearebrutus

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Category: Magazin, Reviews

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