The Ocean – Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic

| 21. September 2020 | 0 Comments
The Ocean

(c) Andrew Faulk

Heiliges Erdzeitalter, Batman! The Ocean befinden sich aktuell im Phanerozoikum, dem jüngsten Äon der Erdgeschichte. Die Entwicklung des Lebens ist den Post-Metal-Feinschmeckern gleich ein Doppelalbum wert. „Phanerozoic I: Palaezoic“, der im November 2018 erschienene erste Teil, bemühte sich bewusst um ein harmonisches Gesamtbild, um einen ganzheitlichen Vibe, der die gesammte Platte umschließen sollte. Damit ist nun allerdings Schluss. „Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic“ spannt den Bogen von den Dinosauriern bis zur Gegenwart und widmet sich, so Bandkopf Robin Staps, gewagteren, schrägeren und progressiveren Tönen.

Diese neuen, alten Vibes schwimmen bereits im Opener „Triassic“ mit. Ruhige, melodische Aufbauten schnitzen an einem filigranen Kartenhaus, das nach etwa der Hälfte der Spielzeit von heftigen Sturmböen beinahe umgeworfen wird. Deutlich schroffere Exkurse, mit Klargesang und Harmonien vermischt, tasten sich durch verschiedenste progressive Spielarten vor und spannen sogar den Bogen zu wütendem Post-Hardcore. Zu den großen Highlights dieser Platte zählt ohne Frage das Epos „Jurassic | Cretaceous“. In gut 13 Minuten, abermals von Katatonia-Frontmann Jonas Renske unterstützt (zu den weiteren Gästen dieses Albums zählt Breach-Veteran Tomas Liljedahl), tanken sich The Ocean durch das Zeitalter der Dinosaurier bis zu jenem Meteoriteneinschlag, der zum (bislang) letzten großen Massenaussterben führte. Mehrere ruhige, nachdenkliche Zäsuren und eine furiose Explosion zum Schluss bäumen sich bis zum plötzlichen, erwarteten Zusammenbruch vor.

In weiterer Folge geht es durch giftige Atmosphären, das Eiszeitalter und die Entwicklung des menschlichen Lebens bis heute. Hier tobt sich das Sextett beeindruckend aus. „Pleistocene“ ist vielleicht der härteste Track der Bandgeschichte. Aus dem bedrohlichen Beginn mit klassischen Untertönen entwickelt sich nach und nach ein wütender, von Schmerz gepeinigter Brüllwürfel, der sogar mit schwarzmetallischen Gefilden flirtet. Als krasses Gegenteil tänzelt „Oligocene“ durch vier instrumentale Soundtrack-Minuten leicht elektronischer Prägung. Das nicht viel längere, muskulöse „Miocene | Pliocene“ greift hingegen das Konzept des Openers auf und liefert zugleich die vielleicht eingängigsten Momente dieses Albums.

Obwohl die Superlative langsam etwas langweilig werden, so kommt man um diese nicht herum: Abermals erreichen The Ocean neue Sphären atemberaubender Songwritingbrillanz. Von progressivem Rock bis zu angedeutetem Black Metal könnte das Spektraum auf „Phanerozoic II: Mesozoic | Cenozoic“ kaum ausladender gestaltet sein. Und doch gibt es ihn, den sprichwörtlichen roten Faden, nicht nur durch das erdgeschichtliche Konzept mit schonungslosem Bezug auf die Gegenwart.  Zwischen bärbeißiger Härte, feiner melodischer Klinge und epischem Storytelling greifen die Rädchen doch immer wieder wunderbar ineinander. Die angekündigte Weirdness hält sich in Grenzen, dafür versuchen Robin Staps und Konsorten noch mehr. Selten waren The Ocean breiter aufgestellt, selten klangen sie besser – ein weiteres Highlight in einem Katalog, der fast ausschließlich aus solchen besteht.

Wertung: 9/10

Erhältlich ab: 25.09.2020
Erhältlich über: Pelagic Records / Metal Blade (Sony Music)

Facebook: www.facebook.com/theoceancollective

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Category: Magazin, Reviews

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