Napalm Death – Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism

| 18. September 2020 | 0 Comments
Napalm Death

(c) Gobinder Jhitta

Die einstigen Pioniere des Grindcore sind längst viel mehr als das. Bereits in den 90er Jahren bemühten sich Napalm Death um frische Ansätze, nur um im vergangenen Jahrzehnt vermehrt Post-Punk- und Industrial-Einflüsse in ihren Sound zu mischen. Mittlerweile im Studio zum Trio geschrumpft – Mitch Harris war nicht am Songwriting beteiligt, spielte aber gemeinsam mit Live-Musiker John Cooke sämtliche Gitarrenspuren ein – öffnen sich die Briten unter der ausschließlichen Songwriting-Ägide von Shane Embury noch mehr. „Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism“ wagt sich sogar noch eine Spur weiter hinaus als zuletzt.

Besagtes ‚zuletzt‘ war Anfang 2015, als das bis nun letzte reguläre Studioalbum „Apex Predator – Easy Meat“ den experimentellen und dennoch weiterhin knüppelharten Ansatz gekonnt vorantrieb. Ein Track wie „Amoral“ hätte sich aber auch auf dieser Platte etwas schwerer getan. Drei Minuten lang besinnen sich die Veteranen auf Killing Joke’schen Post Punk mit Industrial-Untertönen. Diese Entwicklung ist nur logisch, in dieser Deutlichkeit dennoch überraschend. Tatsächlich entpuppt sich der Track als lupenreiner, schroffer und dennoch sogar verhalten eingängiger Hit.

Natürlich werden Napalm Death deswegen aber noch lange kein radiofreundlicher Act. Typisch für dieses neue Album ist „Contagion“, das über weite Strecken wie ein Streifzug durch das bald 40jährige Schaffen der Briten anmutet. Rund um einen wütenden, intensiven Mix aus Death Metal und Grindcore scharen sich einige finstere Passagen mit Barney Greenways „Swans-Vocals“, wie er das klare Gechante nennt. Das ähnlich intensive „Zero Gravitas Chamber“ und der Opener „Fuck The Factoid“ paaren ebenso ruppige High-Speed-Attacken mit neuer Dramatik. Gewisse Ansätze erinnern an die experimentelle Phase Mitte der 90er, was tatsächlich kein Fehler ist.

Es geht aber natürlich noch krasser. „Joie De Ne Pas Vivre“ serviert Noise Rock mit Industrial-Schlagseite. Es dürfte sich wohl um jenen von Embury hervorgehobenen Track handeln, der komplett ohne Gitarren auskommt – entstelltes Bassgewitter, donnernde Drums und ein sich windender Greenway treiben 150 unorthodoxe Sekunden voran. Schließlich erinnert der Rausschmeißer „A Bellyful Of Salt And Spleen“ an die teils auf den Bonus-Ausgaben vergrabenen düster-doomigen Post-Monstrositäten der letzten Alben. Napalm Death servieren Chaos im Zeitlupentempo, werfen mit Nebelgranaten um sich und nehmen den im Midtempo-Bastard „Invigorating Clutch“ angedeuteten Finster-Faden gekonnt auf.

Lange Jahre ohne echtes neues Material und dann noch mehr Experimente: Natürlich gehen Napalm Death nicht auf Nummer Sicher, das sollte nach all den Jahren und Jahrzehnten eigentlich kaum überraschen. Tatsächlich finden sich noch weniger direkte, ruppige Grind-Tracks auf „Throes Of Joy In The Jaws Of Defeatism“ als zuletzt, zugleich bestätigt sich die durch „Amoral“ angedrohte Hinwendung zu Post Punk und Industrial ebenso nur teilweise. Die Schnittmenge gestaltet sich ruppig, brachial und druckvoll, bloß auf etwas andere Weise – etwas getragener, vielleicht eine Spur langsamer, dennoch so drastisch wie eh und je. Gut möglich, dass die Briten mit diesem Kleinod die Lager spalten werden – stark ist dieses neue Studiowerk dennoch in gewohnt packender, martialisch-intelligenter Weise.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 18.09.2020
Erhältlich über: Century Media (Sony Music)

Website: www.napalmdeath.org
Facebook: www.facebook.com/officialnapalmdeath

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Category: Magazin, Reviews

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