Norma Jean – All Hail

| 24. Oktober 2019 | 0 Comments
Norma Jean

(c) Solid State Records

Vor mittlerweile 17 Jahren veröffentlichten Norma Jean ihr Debütalbum „Bless The Martyr And Kiss The Child“ und waren damit mittendrin in einer Welle an Bands, die Metalcore ein deutlich gefährlicheres, chaotisches Antlitz verpassten. Mathcore, Sludge und Post-Hardcore sollten im Laufe der Jahre Einzug in den Sound der US-Amerikaner halten. Der Mix ist aktuell wilder denn je, das Line-up etwas unübersichtlich – einzig Cory Brandan und Phillip Farris scheinen momentan Fixpunkte zu sein. Für das mittlerweile achte Studioalbum „All Hail“ widmete man sich den Abgründen der menschlichen Seele und erörterte, wie trügerisch die Wahrnehmung an sich sein kann.

In einer gelungenen Dreiviertelstunde lässt die Band ihr gesamtes Schaffen Revue passieren, so der Rückschluss ob der recht verschiedenartigen Ausrichtung der einzelnen Tracks. Ein „[Mind Over Matter]“ hätte Mitte der 00er Jahre prima funktioniert. Konstante Eskalation, furiose Wut am Anschlag und etwas Wumms erinnern an die goldenen Solid-State-Jahre. Dieses Gefühl absoluter Kompromisslosigkeit findet sich nur selten wieder. Stattdessen halten vermehrt Melodien Einzug. „If [Loss] Then [Leader]“ baut Klargesang und Post-Hardcore-Dynamik ein. Es brodelt unter der Oberfläche, das Seelenleben wird mit Sandpapier geschrubbt.

Unorthodox war schon immer das Geheimrezept Norma Jeans, und „/with_errors“ macht dies prima vor. Was zunächst wie eine weitere Wuchtbrumme anmutet, rattert durch mehrere Zäsuren, deutet kurz den Ohrwurm an und eskaliert schließlich wuchtiger denn je. Der mit Math-Elementen versehene Auftakt „Orphan Twin“ und das herrlich wirre, vom Vollsprint zur chaotischen Anti-Hymne mutierende „Trace Levels Of Dystopia“ reißen ebenfalls mit. Zum Schluss geht es im Langformat unter die Haut. Beinahe proggige Strukturen, semi-balladeske Elemente und aufwühlender Klargesang begleiten „Careen“, danach ballt „Anna“ – einer verstorbenen Freundin gewidmet – die Fäuste und durchlebt sämtliche Stadien der Trauer in fünf abgefuckten Minuten.

Angesichts der verschiedenen Einflüsse und vogelwilden, teils sich widersprechenden Stilbrüche verlangt „All Hail“ einiges an Geduld und Puzzlelust ab, aber welches Norma Jean-Album tat dies bisher nicht? Die achte Platte klingt über weite Strecken eine Spur ruhiger und melodischer, ohne jedoch auf das unberechenbare Chaos zu verzichten. Schnell fügt sich der diffuse Ersteindruck zu einem packenden Gesamtbild zusammen, von überraschend hymnischen Melodiebögen und gewohnt strapazierendem Sperrfeuer getragen. Norma Jean halten abermals nichts von Stillstand, nehmen von allen bisherigen Alben etwas mit und wagen sich zudem auf neue, etwas düstere Pfade. Das wuchtige, martialisch-eingängige Ergebnis spricht für sich.

Wertung: 8/10

Erhältlich ab: 25.10.2019
Erhältlich über: Solid State Records

Website: www.normajeannoise.com
Facebook: www.facebook.com/normajean

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Category: Magazin, Reviews

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